Teil eines Werkes 
Bd. 3 (1904) Die außereuropäischen Erdteile nebst den deutschen Kolonien
Entstehung
Seite
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Asien als Ganzes. Geistige Kultur.

g) Geistige Kultur: Geistesleben und Religion.

Im Gegensatze zu Afrika, dem dunkeln Erdteile, könnte man Asien den lichten, hellen Erdteil nennen. Die Gründe, warum in ihm das Licht menschlicher Erkenntnis heller aufleuchtete, sind in mehreren natürlichen Umständen zu suchen. Nicht wie in Afrika haben heiße Wüsten und dichte Urwälder von unermeßlicher Größe den Verkehr der Völker für Jahrtausende vollständig un­möglich gemacht, nicht wie bei diesem Erdteile fehlen der Küste die tief einschneidenden Buchten oder sperren fast überall hohe Gebirgswände und die Katarakte der Flüsse den Weg in das Innere. Die Wüsten Asiens können vielmehr ziemlich leicht durch­quert oder doch umgangen werden, der Karawanenverkehr hat in West- und Zentralasien noch mehr als in Nordafrika die Aus­breitung der Kultur gefördert, und auch die hohen Gebirgszüge Asiens haben mehr den Güter- als den Gedankenverkehr der Völker gehemmt, wie die Ausbreitung der asiatischen Religionen erkennen läßt. Anderseits muß jedoch auch betont werden, daß die dem belebenden Geistesverkehr der Völker mehr entrückten Gebirgs- völker, wie besonders die Tibetaner, eine völlige Entartung der ihnen auf schwierigem Wege zugegangenen Geisteskeime erkennen lassen, und daß Kulturvölker, wie die Chinesen, die nach Er­reichimg einer hohen Kulturstufe sich, begünstigt hierbei durch die Natur des Landes (vgl. S. 172), gegen fremde Kultureinflüsse voll­ständig abzuschließen vermochten, in ihrem Geistesleben erstarrten. Wollen wir die asiatischen Völker nach dem natürlichen Ent­wicklungsgänge ihrer Kultur in Gruppen teilen, so müssen wir unterscheiden: 1) Völker, die durch eine große Gunst des Landes leicht eine hohe Stufe der materiellen Kultur und mit deren Hülfe auch der geistigen Kultur erreichten, wie die Chinesen, die Inder, die Siämesen und die Japaner; 2) Völker, die mit großen Schwierigkeiten der materiellen Kultur zu kämpfen hatten und dadurch zu einer reichern Anspannung ihrer geistigen Fähigkeiten und reichern Entfaltung ihres Geisteslebens gezwungen wurden, wie die alten Babylonier (vgl. S. 126), Perser, die Bewohner der Kulturoasen Westturkestans, besonders von Merw, die Araber und auch die Juden; 3) Völker, die auf einer niedrigen Kulturstufe verharren mußten, weil die ihnen, als Wohnsitze zugefallenen Erd­räume nicht genügende Hülfsmittel der materiellen Kultur darboten, wie die Nomadenvölker und Naturvölker, z. B. die Mongolen, Kirgisen, Jakuten, Tungnsen, die arktischen Bewohner u. a. Zahl­reiche Volksstämme, die eine Zwischenstellung zwischen der zuletzt genannten Völkergruppe und den beiden ersteren einnehmen, sind als Halbkulturvölker zu bezeichnen.

Da Asien die älteste Heimstätte der menschlichen Kultur war, haben von dort alle großen Geistesströmungen der Mensch­heit ihren Ausgang genommen. Daß sich so verschiedenartige Religionen entwickeln konnten, lag in dem Verkehrshindernisse,

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