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Die Anfänge.
4. Der Gesichtspunkt des Kanzlers.
Als der Reichskanzler diese entscheidenden Maßnahmen traf, stand er, wie seine Äußerung zu G. Rohlfs beweist, betreffs kolonialer Politik von seiten Deutschlands noch immer auf dem Standpunkt, den er 1881 einem Reichstagsabgeordneten gegenüber vertreten hattet) „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialvolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann; und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in anderen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht." Wie er diesen Standpunkt mit dem Vorgehen in Afrika zu vereinbaren gedachte, wird nur verständlich, wenn man die erst nach seinem Tode veröffentlichten Gesichtspunkte kennt, die ihn bei seinem Vorgehen geleitet haben. Ehe sich Vismarck entschloß, den Wünschen des Herrn Lüderitz und der Senate von Hamburg und Bremen zu entsprechen, hatte er sich von Eeheimrat v. Kusserow eine sehr eingehende Denkschrift sowohl über die ganze Sachlage wie über die Möglichkeiten, jenen Anträgen gerecht zu werden, entwerfen lassen. Die unterm 8. April 1384 vorgelegte Denkschrift^) versah er mit Randbemerkungen, die für das weitere Vorgehen des Auswärtigen Amtes maßgebend wurden.
In diesem Aktenstück vertrat Eeheimrat v. Kusserow den Standpunkt, den schon 1831 Professor H. Wagner eingenommen hatte. Er empfahl, den Kolonialunternehmungen nach dem Beispiel der Engländer Royal Charters zu verleihen und sie damit in den Stand zu setzen, für sich selbst ihren Bedürfnissen entsprechend zu sorgen. Das Schriftstück besagte in dieser Hinsicht folgendes: „Bei Bestimmung der Form für den Schutz, welchen wir den deutschen Unternehmungen von Angra Pequena selbst gewähren wollen, könnte in Betracht kommen, Herrn Lüderitz nach Analogie der von der englischen Regierung in Fällen, wo die staatliche Besitzergreifung eines staatlich noch nicht organisierten Gebietes nicht beliebt wird, an Privatpersonen und Gesellschaften, wie z. B. noch in: Jahre 1331 an die „North Vorneo Company" für die
51) Poschinger: Fürst Bismarck und die Parlamentarier, Sand III, S. 54.
52) Abgedruckt im Deutschen Kolonialblatt 1393.