Druckschrift 
Wissenschaftliche Ergebnisse meiner ethnographischen Forschungsreise in den Südosten Deutsch-Ostafrikas ; mit 63 Bildertafeln, 1 Karte und einer Beilabge in Faarbendruck / von Karl Weule
Entstehung
Seite
31
Einzelbild herunterladen
 

habe ich mich schließlich auf die Aussagen ver­schiedener alter Matambwefrauen, einiger jüngerer Makondeweiber und des alten, bereits erwähnten Mparawalingwa verlassen müssen; auch sie alle waren nur nach vielem Zureden und unter Aufwendung ver­hältnismäßig hoher pekuniärer Opfer zur Preisgebung ihrer Geheimnisse erbötig.

Das Unyago des weiblichen Ge­schlechts umfaßt nach den Aussagen aller meiner Gewährsleute die gesamte Entwicklung des Weibes vom 7., 8. oder 9. Lebensjahre an bis über die Ge­burt des ersten Kindes hinaus. Die Jao bezeichnen die einzelnen Etappen dieses Werdegangs mit den folgenden Wörtern:

1. Chiputu, die Einweihung in die Geschlechts­verhältnisse,

2. Matengusi, die Feier der ersten Men­struation, (von kutenguka, die Menses beginnen),

3. Chituümbu (Chitümbo, Bauch) die erste Schwangerschaft,

4. Ya (oder Wa) mwana, Verhaltungsmaßregeln nach der Geburt des ersten Kindes.

1. Das Chiputu.

1. Das Chiputu ähnelt in Form und Dauer im großen und ganzen dem Unyago der Knaben, nur daß bei den Mädchen keine Beschneidung stattfindet, sondern die 2- bis 3 monatige Absonderung lediglich den Unterricht über den Geschlechtsverkehr und das allgemeine Verhalten gegen die Erwachsenen um­faßt. Nur bei den Makuamädchen, sehr wahrschein­lich aber hier und da auch bei denen anderer Stämme, so auch bei den Jao, beginnt während dieser Zeit ein systematischer Eingriff in die natürliche Form der Genitalien, indem die Kinder gehalten werden, durch systematisches, Tag für Tag und Jahre hin­durch betriebenes Zerren die Labia minora ganz un­natürlich zu verlängern. Ich selbst habe dermaßen verunstaltete Glieder von 7 bis 8 cm Länge gesehen und photographiert; nach den gern gegebenen Aus­sagen zahlreicher männlicher Eingeborener soll diese Verlängerung jedoch zuweilen Dimensionen an­nehmen, daß jene Labia bis halbwegs an die Knie herunterbaumeln. Der Endzweck dieser Körperver­unstaltung ist lediglich erotischer Natur; sie soll er­regend auf das männliche Geschlecht einwirken.

Am ersten Tag des Chiputu wird von allen Frauen des gemeinsam feiernden Bezirks in der Nähe des Festdorfes ein Hüttensystem errichtet, das für die Dauer des Unterrichts den Mädchen als zeitweilige Behausung dienen soll. Diese Hütte liegt stets in der Nähe des Dorfes selbst, nicht im Busch. In ihr schläft in der darauf folgenden Nacht die Oberleiterin des Festes (Nteresa) allein. Den zweiten Tag füllt vor­

wiegend ein Tanz der erwachsenen Frauen aus; sie sind geschmückt mit Bambusringen und einer ganz seltsamen Art von Kopfbedeckung, von der ich zu meiner großen Freude bei Akundonde noch einige Exemplare auf dem Müllhaufen auflesen konnte. Es sind doppelkonische Gestelle aus Stäben eines Pflanzenmarks oder aus Hirsehalmen, die mit Stiften ineinandergefügt sind (Taf. 46 Abb. 5). Gegen Abend werden die Kandidatinnen herbeigeholt; gleichzeitig bringt jede Mutter Mehl und Gemüse für die Lehrerinnen mit. Die Entgegennahme des Mehls durch diese heißt machingamiro. Die Lehrerinnen singen dabei:

: Kanga ukakuli tuye :" ; die anderen Weiber entgegnen:

Mkauya muyiganiri mkauya.

Dem nun folgenden Tanz schauen die Kandi­datinnen unbeteiligt zu. Nach dem Tanz werden die Mädchen entkleidet, bekommen Perlenschnüre um den Leib und einen Lappen als Schamschurz. In früheren Zeiten hat dieser ganz allgemein aus neuangefertigtem Rindenstoff bestanden; heute ist er bei den Jao ein Kattunfetzen, wie die Kleidung im allgemeinen. Mit­samt den Eßvorräten werden jetzt die Mädchen in die neue Hütte mit ihren vielen Einzelabteilungen ge­bracht, wo sie von jetzt ab für lange Zeit verbleiben. Die Alten tanzen während der Zeit weiter und je nach Neigung und Lustigkeit die ganze Nacht hin­durch. Dabei schlagen die Männer die Trommeln, schießen Freudenschüsse in die Luft und vollführen sonstigen Übermut. Dieses Stadium heißt Kusiwiran- dindi. Dazu singen die Frauen:

Wasiwire äh, wasiwire äh indindi ya musi kulu- solo kwangayenda.

(Ihr seid eingesperrt, ätsch.....Nachmittag

Brunnen gehen.)

Der dritte Tag ist zunächst dem Tanz Kuschunga gewidmet. Während er ausgeübt wird, haben die Lehrerinnen das am Tage vorher empfangene Mehl und Gemüse bestimmten Personen übergeben, die es später zubereiten müssen. Bald geht der Ku- schunga in den Speertanz Lipanga über: Die Lehrerin des vornehmsten Kindes trägt den anderen eine Art Speer, einen einfachen Bambusschaft, voran. Das da­bei gesungene Lied wußten meine Gewährsleute nicht. Bei ihm bringt man der Nteresa und den anderen Lehrerinnen wie jeder Knabe, so hat auch jedes Mädchen seinen Mentor, eine Erwachsene Ge­schenke dar: weiße Zeugstücke, Zuckerrohr, Erdnüsse, Bananen und andere Leckerbissen, Perlen usw.

Am vierten Tag gehen die Lehrerinnen in den Busch, um Medizin, bestimmte Wurzeln und Blätter bestimmter Pflanzen zu sammeln. Nach der Rück­kehr wird viel Speise bereitet, und die ganze Fest-