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West-Afrika / von Moritz Schanz
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Die Bevölkerung derKolonie" belief sich 1861 ans 41000, 1871 auf 37000, 1881 auf 60000, gelegentlich des Census iu 1891 auf 74 800 einschließlich von 224 Europäern und wird jetzt auf 100000 geschätzt, während die Einwohner­zahl desProtektorats" mit einer Million angegeben wird.

Die Eingeborenen sind größteuteils heidnische Negerstämme, teils kriegerische Leute, teils friedliche Ackerbauer. Vou der im Küstengebiet wohneudeu Bevölkerung besteht der größte Teil aus den Nachkommen befreiter Sklaven, neben welchen wir Angehörige der verschiedensten Stämme Afrikas und uur wenige Weiße finden. Die Eiugeboreneu-Kultureu sind sehr primitiv uud zwar baut mau hauptsächlich Manioe, aus Indien eingeführten Reis, Bananen, Ingwer, Bennisameu, Erdnüsse uud etwas Baumwolle, die auch zu Gewebeu verarbeitet wird, welche man mit Judigo färbt. Ölpalmen, Kautschuk uud Gummipflcmzeu, Kola uud auch Kaffee sind in dem Gebiet einheimisch, und die Regierung, welche eine Botanische'Station in Freetown und eine Versuchsfarm in Songotown unterhält, hat mit der Aupflauzung vou XieKxia g-ti-iean^ im größerein Maßstab begonnen. Gezüchtet werden Schweine, Ziegen und Geflügel, auf deu Hochebeueu auch Rinder.

Die Löhne für Eingeborene betrugen im Jahre 1900 monatlich 15 bis 30 Schilling in Freetown, 9 Pence täglich an den Bahnarbeiten und eiueu Schilling pro Tag für die von der Regierung gemieteten Träger.

Minen bestehen hier bislang noch nicht, doch sind von einheimischen Häupt­lingen verschiedene Schürfkouzessionen erteilt wordeu.

Jüugst im Sherboro-Aluß gefundene Perlmuscheln haben im Jahre 1900 zum Erlaß eiues Gesetzes geführt, welches die Perlfischerei regelt.

Die Verwaltung der Kolonie untersteht einem, in Freetown residierenden, mit 5000 L x. a.. bezahlten Gouverneur, dem eine Executive und ein Gesetz­gebender Rat zur Seite stehen; letzterer setzt sich aus den oberen Beamten und 3 Mitgliedern der Kolonie zusammen. Eiue Reihe höherer Ämter wird gelegentlich mit Negern besetzt und die Geistlichen und Militärärzte der Kolonie sind meist Schwarze. Charakteristisch ist der unglaubliche Dünkel, den die Eingeborenen häufig deu Engländern gegenüber zeigen.

Sierra Leone ist das Hauptquartier der in Westafrika stationierten Truppen, nnd zwar bestehen dieselben in normalen Zeiten aus Englischer Artillerie uud Festuugsiugeuieureu, ciuer Eiugeboreueu-Batterie uud einem Bataillon West­indischer Neger-Infanterie; die Eingeborenen sind meist Haussas und die Spesen für die Schutztruppe, welche gewöhnlich etwa 57000 L a., im Jahre 1900 in Folge der vorangegangenen Unruhen aber 105000 L betrugen, trägt das Mutter­land, ebenso wie die kleineu Mariue-Speseu, im Jahre 1900 9000 L. Dagegen bezahlt die Kolonie selbst ihre 270 Mann einheimischer Polizeitruppe, welche 1900 8800L kostete uud 600 Maun Grenzwachmanuschaft, welche in 5 Kompagnien ans die 5 Distrikte verteilt ist uud im Jahre 1900 23000 L kostete; diese beiden Korps sind von Eingeborenen gebildet und stehen uuter englischen Offizieren.