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In letzterer Beziehung leisten die Universitäten (besonders Bonn und Halle) auf theoretischem Gebiete ja Löbliches; doch wäre es im Interesse der Bereitstellung eines Stabes tüchtiger Pflanzer wünschenswert, wenn mit Hilfe der Regierung oder einer privaten Stiftung Beihilfen bereit gestellt würden, um Trope nlandwirten mit guter theoretischer Vorbildung längere Zeit in den Tropen selbst Gelegenheit zu praktischer Ausbildung zu gewähren. Bei schnellerem Anwachsen der Plantagenwirtschaft würde sonst unbedingt Mangel an geeigneten Kräften eintreten.
Für die theoretische wie praktische Vorbildung geeigneten Privatbeamtenpersonals hat die Deutsche Kolonial schule Wilhelmshof zu Witzenhausen an der Werra seit Jahren ganz Ausgezeichnetes geleistet, und sie verdient vollauf, daß sie von Reichswegen unterstützt wird. Doch reichen die Mittel für die so notwendige Erweiterung des Betriebes nicht aus. Hier sollte das Reich in größerem Maßstabe helfend eintreten, oder es müßten durch eine geeignete Werbung privatim Zuwendungen herbeigeschafft werden. Eine Vergrößerung und Verbesserung des Instituts ist dringend erforderlich.
0. Vorschläge, welche alle Kolonien gleichmäßig betreffen.
Die Regierung hat überall für den Schutz von Leben und Eigentum zu sorgen und deshalb darauf bedacht zu seiu, daß die Eingeborenen, mindestens soweit sie in der Nähe europäischer Niederlassungen oder Anlagen ansässig sind, entwaffnet und der deutschen Herrschaft unterworfen werden. In dieser Beziehung wird leider mit Rücksicht auf die geringe Gebefreudigkeit des Reichstags von der Regierung zu wenig gefordert. Und dabei gibt es noch Leute, dieeiue Herabsetzung der Schutztruppe für angezeigt erachten. Als ich im Jahre 1903 kurz vor dem Ausbruch des Hereroaufstandes einer derartigen Anregung in der deutschen Kolonialgesellschaft widersprach und unter Hinweis auf die Situation des Schutzgebietes eine Verstärkung der Schutztruppe für dringend- notwendig erklärte, wurde ich beinahe gesteinigt. Auch in Kamerun steht die öffentliche Sicherheit seit langer Zeit auf tönernen Füßen, und es ist klug von der Regierung gewesen, daß sie die durch den südwestafrikanischen Aufstand geschaffene Stimmung benutzt hat, um eine Verstärkung der Schutztruppe in Kamerun durchzusetzen. Sie wird dort bald genug bitter- notwendig sein. Und auch in Deutsch-Ostafrika steht die große Abrechnung der Eingeborenen der Binnenländer mit den fremden Usurpatoren noch bevor, sobald die deutsche Kolonisation ihnen erst näher auf den Leib rückt.
Es ist eitel Unsinn, was zumeist über die Ursachen des Hereroaufstandes in der Öffentlichkeit gesagt worden ist. Er war nichts als eine letzte verzweifelte Anstrengung einer ihres Landes und ihrer Freiheit beraubten Nation, die jahrelang widerwillig in die Ketten geknirscht und nur auf einen günstigen Moment zum Losschlagen gewartet hatte. Dieser schien sich ihnen zu bieten, als durch die Bondelzwartsunruhen ein großer Teil der Schutztruppen nach dem Süden des Schutzgebietes abgerufen wurde.