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Unsere Kolonien, was sind sie wert, und wie können wir sie erschliessen? : Ein Kolonialprogramm / August Seidel
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können auch unsere Kolonien sich heute noch nicht selbst schützen, da sie erst im Anfang der Entwicklung stehen. Ist aber das Mutterland stark genug, um die Gegner von einem Angriff abzuschrecken, so sind dadurch Ho ixso auch die Kolonien geschützt.

Man meint schließlich,wenn die Kolonien zur Blüte gelangt seien, fielen sie vom Mutterland ab".

Das ist zum Teil richtig. Aber die Geschichte lehrt, daß diese Los­lösung sich nur sehr allmählich vollzieht, wenn das Mutterland lange Zeit schon die Vorteile des Besitzes genossen hat. Und immer bleibt eine solche Kolonie durch das Band der gemeinsamen Nationalität der Be­wohner doch enger an das Mutterland gekettet als an jedes andere Ge­meinwesen. Das zeigt das Beispiel Australiens. Weltpolitische Gesichts­punkte, wie sie im Schlußkapitel angedeutet siud, kommen hinzu.

ä) Die Kolonien und das heimische Kapital.

Hinderlich ist bisher einer schnellen Entwicklung der Schutzgebiete besonders der Umstand gewesen, daß das heimische Kapital sich nach einer Periode großer Bereitwilligkeit im Ansang der deutschen Kolonialpolitik seitdem den Kolonien gegenüber ziemlich spröde gezeigt hat. Das liegt daran, daß die ersten Unternehmungen überstürzt begonnen waren, ohne rechte Kenntnis der Natur des Landes, ohne Erfahrung, ohne geschultes Personal und meist auch mit unzureichenden Mitteln. Daher sind fast alle Unternehmungen der ersten Jahre zugrunde gegangen, haben den Kolonien einen schlechten Ruf- eingetragen und das Kapital scheu gemacht, wenigstens soweit mittlere und kleinere Besitzer inbetracht kommen.

Zur Zeit ist es denn auch nicht leicht, für Pflanzungsnnternehmungen oder andere koloniale Gründungen Geld zu bekommen, und die Zahl der Gesellschaften (ca. 60), die heute, nach zwanzig Jahren, in den Kolonien arbeiten, ist verschwindend klein. ^)

Glücklicherweise ist das Großkapital in den letzten Jahren aus seiner Reserve hervorgetreten und hat seine Tätigkeit an mehreren Stellen ein­gesetzt, in Kamerun, in Deutsch-Südwestafrika (Otavi-Minen, Otavi-Bahn) und besonders in Deutsch-Ostafrika. Daß die führenden deutschen Banken in der Angelegenheit der Mrogorobahn zusammengewirkt haben, ist von ganz besonderer Wichtigkeit, gerade deswegen, weil dadurch das Vertrauen der mittleren und kleineren Kapitalisten zu deu Schutzgebieten in ganz erheblichem Maße gestärkt worden ist.

Inzwischen hat auch die wissenschaftlich-wirtschaftliche Erforschung der Kolonien Fortschritte gemacht, die gewonnenen Erkenntnisse werden sich allmählich verbreiten und bekannt werden, und aus diesem besser gesicherten Gruude wird das Kapital von neuem Zuversicht zur Zukunft der Kolonien gewinnen. Neue Gesellschaften sind anstelle der alten gegründet, besser vorbereitet als jene, mit zureichenden Mitteln und erfahrenem Personal; sie werden besser reüssieren als ihre Vorgänger und werden auch ihrer­seits wieder Kapital herauzieheu. Ohne die Befruchtung durch große Kapitalmengen werden unsere Kolonien stets ein toter Ballast bleiben.

') Ein vollständiges Verzeichnis derselben findet sich imKolouial-Handelö- adreßbnch" des Kolonialwirtschaftlichcn Komitees zu Bertin.