Print 
Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga / von Gerhard Bonwetsch
Place and Date of Creation
Page
58
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Das Wirtschaftsleben der Kolonien

genug Brot liefern in das ganze Reich, die Sarpinkafabrik 1796 kaum ein Viertel der Nachfrage befriedigen. Sareptaer Bier war vielbegehrt. Ja, einige Jahre hindurch schien die Kolonie auf dem Wege, ein berühmter Kurort zu werden. Ein nahe gelegener Gesundbrunnen, den Zar Paul der Gemeinde schenkte, lockte viele Gäste an. Freilich ist der Kurbetrieb schon nach wenigen Jahren wieder eingegangen. Dafür begann man 1301 mit dem Anbau des Senfs und legte damit den Grund zu den: Weltruf, den Sarepta weit über die Grenzen des Zarenreiches erlangen sollte.

Schwere Schicksalsschläge haben diesen glänzenden Aufstieg unter­brochen. Seit 1802 setzt langsam aber stetig der Niedergang Sareptas ein. Bankrotte trafen die angesehensten Handelshäuser. Ein großer Brand zerstörte 1832 zwei Drittel des Ortes. Aber neu erstand er mit Hilfe der Unität ans der Asche. Wenn Sarepta auch die frühere Blüte nie wieder erreichte, es blieb doch stetsein Beispiel einer echten und ordentlichen Haushaltung", wie in den ersten Jahren seines Bestehens. Mochte auch der Handel desniedlichen Städtchens" in mancher Beziehung zurückgehen, weil einige Industrien im Laufe der Zeit in den rasch aufblühenden größeren Städten Saratow und Astrachan Fuß faßten, Tabak und Senf blieben die beiden Stützen, mit deren Hilfe die Brüder sich stets über die Jahre land­wirtschaftlichen und kommerziellen Mißgeschicks hinwegzuhelfen vermochten. Allein der Ertrag des Senfgeschästes wird in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf einen Jahresdurchschnitt von fünfzig- bis siebzigtausend Rubel angegeben. Durch das gauze Jahrhundert hat die Senffabrikation einen gleichmäßigen Aufstieg bewahrt. Wenn die Blüte des Ortes selbst damit nicht völlig Schritt hielt, so lag das an den innern Zuständen, die nicht durchweg erfreulich blieben. Die großen wirtschaft­lichen Erfolge haben zeitweise einen Geist der Zwietracht und des Hoch­muts in der Gemeinde hervorwachsen lassen und gewiß mit Schuld daran getragen, daß Sarepta seine eigentliche Aufgabe, die Mission, nicht erfüllt hat. Die zahlreichen Besuche fremder Gelehrter und hoher Per­sönlichkeiten und ihre Lobsprüche verstärkten diese Gesinnung. Namentlich Alexander von Humboldts Anwesenheit wurde als besonderes Ehrenblatt in der Geschichte Sareptas verzeichnet. Es hatte doch seine Berechtigung, wenn ihm die Herrnhuter Kolonie als Krönung seines Besuchs in den Kolonien, den er auf besonderen Wunsch des Saratower Gouverneurs Fürst Galitzin unternommen hatte, vorgeführt wurde.

Viertes Kapitel

Das Wirtschaftsleben der Kolonien

Mit Sareptas lebhaftem Erwerbsleben konnte sich keine der andern Kolonien auch nur entfernt vergleichen. Die einzige unter ihnen, die überhaupt etwas kaufnn'mnisches Treiben aufzuweisen hatte, war Ka- tharinenstadt. Schon Pallas rühmte dieguten Professionisten" (Hand­werker), die er dort traf. Allein aus den Briefen des Pastors Huber geht deutlich genug hervor, in wie bescheidenen Grenzen sich zu Beginn des

59