Druckschrift 
Schmoller, Dernburg, Delbrück, Schäfer, Sering, Schillings, Brunner, Jastrow, Penck, Kahl über Reichstagsauflösung und Kolonialpolitik : offizieller stenographischer Bericht über die Versammlung in der Berliner Hochschule für Musik am 8. Januar 1907 / hrsg. vom Kolonialpolitischen Aktionskomité
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Die Sitzung wird um 8 Uhr abends vom Herrn Prof. Dr. Schmoller

mit folgender Ansprache eröffnet:

Meine Herren! Im Namen unseres provisorischen Kolo­nialpolitischen Aktionskomitees, das aus den Kreisen von Kunst, Wissenschaft und Technik hervorgegangen ist, habe ich zunächst allen Anwesenden unsern Dank auszusprechen dafür, dass sie so zahlreich erschienen sind und auch dafür, dass sie unserm Unternehmen ein so grosses Interesse entgegen­gebracht haben. Ich will es mit einem Worte zu rechtfertigen suchen, dass wir es unternommen haben, neben den politischen Parteien in den Wahlkampf einzugreifen, dass wir es unter­nommen haben, neben diesen Parteien zu einer Aktion einzu­laden und Sie zu bitten, uns bei dieser Aktion zu helfen in diesem grossen, denkwürdigen Kampfe, in welchem hinter der Regierung in der Vertretung im Reichstage alle politischen Parteien mit Ausnahme des Zentrums und der Sozialdemo­kratie stehen. Wir glauben, dass gerade die heute hier ver­sammelten Kreise berufen sind, an der Aufklärung unseres Volkes mitzuarbeiten, an der Aufklärung darüber, wie sehr unsere koloniale Weltmachtpolilik notwendig ist.

Gestatten Sie mir als Nationalökonomen und Statistiker ein Wort in dieser Beziehung auszusprechen. Ich will, ohne in die Materie selbst einzugreifen, nur mit ein paar Zahlen darlegen, dass ich voll guter Hollnung bin, dass wir am Wahl­tage ein besseres Resultat erzielen können, als es bisher ge­schehen ist. Meine Herren! Deutschland hat bei den letzten Wahlen 12,5 Millionen Wähler gehabt. Davon verfügten die beiden Parteien, die der Regierung gegenüberstanden, über nicht mehr als 4,8 Millionen Wahlstimmen, es würden also 7,7 Millionen Wahlstimmen gegen diese beiden Parteien übrig bleiben. Warum haben nun diese nicht im Reichstage die Majorität? Weil weit über 3 Millionen Bürger nicht gewählt haben! Bringen wir es dahin, dass endlich diese 3 Millionen ihre Schuldigkeit tun, so werden sich die Mandate im Reichs­tage doch wesentlich anders stellen!

Meine Herren! Ich habe nicht vor, in die Materie ein­zugreifen, ich habe nur noch ein Wort im Namen des provi­sorischen Aktionskomüees zu sagen, und das ist: ich ersuche die Versammlung, sich zu konstituieren.

Geh. Justizrat Prof. Kahl

(zur Geschäftsordnung): Ich mache den Vorschlag, den bis­herigen Vorsitzenden des provisorischen Aktionskomitees zu ersuchen, auch heute in dieser Versammlung den Vorsitz zu führen. (JBeiiäll.)

!