Druckschrift 
Koloniale Lehrjahre : Vortrag, gehalten in Stuttgart am 23. Jan. 1907 / Bernhard Dernburg
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

gesprochen, dass für die Kolonisation eine besondere Erziehung' notwendig ist, eine Erziehung der ganzen Nation, damit sie das verstehe, was diesen weitentlegenen Gebieten eigentümlich ist. Und jetzt nehme ich mir die Freiheit, Sie damit zu unterhalten, wie denn das gemacht werden soll, wie diese Erziehung erfolgen kann. Ich möchte vor Ihnen über das Thema sprechen:

Koloniale Lehrjahre.

Meine Herrn! Deutschland hat das drittgrösste Kolonialreich der Welt. Es ist ihm überlegen in Bezug auf das Territorium und die Einwohnerzahl zunächst Grossbritannien mit 29 OOOOOO Quadrat­kilometern und 347000000 Einwohnern. Es kommt dann Frank­reich mit 5948000 Quadratkilometern und nahezu 50000000 ein­geborenen Bewohnern. Dann aber kommt Deutschland mit 2604000 Quadratkilometern und 12400000 Eingeborenen. Das sind weite Gebiete, verteilt über zwei Kontinente, und sie sind untereinander auch wieder sehr verschieden, so dass man mit einer theoretischen Betrachtung sehr wenig auszurichten in der Lage sein wird. Ich spreche zu Ihnen über die Art, wie das Gebiet erschlossen werden muss, weil ich es für unrecht halte, Kritik zu üben, ohne die Mittel anzugeben, wie man es besser machen kann, und weil ich es für unrecht erachte, Lehren zu geben, ohne zu zeigen, wo sie ihren Grund, ihren Ursprung und ihren Beweis haben.

Dasjenige, woran es uns in Deutschland etwas gefehlt hat, ist die Ueberzeugung von der Güte unserer Sache. Es gibt in jedem Land, in jedem grossen Komplex Stellen, die wenig er­freulich sind. Ich habe vor einigen Tagen gelesen, dass es auch in Ihrem Land gewisse Gegenden gibt, die so arm an natürlichen Wasserquellen sind, dass mit vielen Kosten eine künstliche Wasser­leitung dahin geführt werden muss. So gibt es auch in unsern Schutzgebieten verschiedene Plätze, die weniger Bedeutung, weniger Wert haben; aber man muss das eine nehmen mit dem andern, und es kommt auf den Geist an, in dem die Sache be­trieben wird. Ich muss da um Ihre Erlaubnis bitten, Ihnen etwas vorzulesen über die Art, wie unsere Nachbarnation, die Franzosen, sich zu ihren Kolonien gestellt haben. Sie haben im Anfang auch sehr grosse Enttäuschungen erlebt. Das hat zu ge­wissen Zeiten sogar dahin geführt, dass man dasselbe tun wollte,