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Deutsch-Südwest-Afrika : Ergebnisse einer wissenschaftlichen Reise im südlichen Damaralande / von Karl Dove
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VI. Ethnologisches.

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was ich an verschiedenen Stellen ausgesprochen: Milde gegen den Farbigen ist Grausamkeit gegen den Weifsen.

Es ist übrigens eine völlige Verkennung des Charakters der Ovaherero, wenn man sie ohne weiteres als feig bezeichnet. Mit Völkerschaften von der heroischen Tapferkeit der Sulus, die auch unter den Kafferns'tämmen einzig dastehen, sie zu vergleichen, ist selbst­verständlich verkehrt. Weniger Mut aber als z. B. die Betschuanen und andre friedliche Kaffernvölker besitzen sie wohl kaum. Aufserdem aher kommt es für den praktischen Politiker nicht darauf an, festzustellen, ob Mut eine hervorragende Eigenschaft der Damaras bilde oder nicht. Wenn sie fanatisiert sind, dann sind sie gefährlich genug, und die Folgen eines plötzlicher Erregung zuzuschreibenden Angriffs sind für die Kolonisation Südwest- afrikas so ziemlich die gleichen wie die eines soldatischen Vorgehens eingeborner Stämme, d. h. sie schrauben die wirtschaftliche Entwickelung des Landes um ein Beträchtliches zurück. Daran wird ebenfalls die christliche Mission trotz der besten Absichten nichts zu ändern vermögen, wenngleich ihre Wirkung in andern Lebensbeziehungen der Herero­bevölkerung sich deutlich äufsert. Man kann sagen, dafs die Ovaherero im ganzen süd­lichen Damaralande auch da stark in Sitten und Gebräuchen nachgegeben haben, wo sie noch in einiger Entfernung von den Missionsstationen im Felde leben. Am auffallendsten ist die Verdrängung der alten Waffen durch solche europäischen Ursprungs. Den alten roh gearbeiteten Lanzen von etwa 2 m Länge mit breitem, schaufelähnlichem Eisen wird man ebenso wie dem Bogen kaum noch im Süden des Hererolandes anders als ausnahms­weise begegnen, und nur die nationalste Waffe ganz Südafrikas, der Kirri, die kurze, im Nahkampf mit unfehlbarer Sicherheit geschleuderte Wurfkeule, findet man noch überall im Gebrauch. Ebenso beginnt bei den wohlhabenden Damaras die alte Kleidung europäischer Tracht zu weichen, und in den gröfseren Orten des Südens sieht man nicht eben häufig mehr den Biemenanzug der Feldhereros und die wunderliche, von drei lanzettförmigen Lederspitzen gekrönte Frauenhaube mit ihrem schweren Gehänge von Eisenperlen. Die europäische Kleidung, die hier ziemlich genau der von den Buren Südafrikas angenommenen Tracht entspricht, gewinnt mehr und mehr Eingang, und seitdem das Verbot des Munitions­und Schnapshandels streng durchgeführt wird, bilden Anzüge aus Cord und Stoffe, wie namentlich blaue Kattune, im ganzen Lande die gangbarste Ware. Die Verstandesschärfe, welche der Eingeborne Südwestafrikas und besonders der Herero zu entwickeln vermag, zeigt sich vorzüglich beim Handel. Man darf diese Fähigkeit der Leute ja nicht unter­schätzen. Es wird so leicht keinem Händler gelingen, den Damaras besonders der gröfseren Orte jenen Schund aufzuhalsen, den man in den indischen Läden an der Ostküste Afrikas trifft. Im Gegenteil habe ich oft beobachtet, dafs Hereros halbe Stunden lang unter den vorgelegten Stoffen wählten und lieber einen höheren Preis als den ursprünglich von ihnen in Aussicht genommenen zahlten, um nur eine bessere Ware zu erhalten.

3. Die Betschuanen,

Einen Beweis dafür, dafs noch heute jene Völkerverschiebungen, welche in ganz Süd­afrika seit mehreren Jahrhunderten im Gange sind, keineswegs ihr Ende erreicht haben, liefert das erst in den letzten Jahren erfolgte Eindringen von Betschuanen in unser Schutz­gebiet. Mögen in gewissen Fällen Handelszüge die Ursache der Einwanderung einzelner Betschuanakaffern schon seit längerer Zeit gewesen sein *), wie ja der von diesen geübte Waffenschmuggel erst neuerdings wieder gezeigt hat, von dem Major Leutwein in einem seiner letzten Berichte geschrieben, so sind doch wohl in erster Linie wirtschaftliche Gründe für das Auftreten des östlich der Kalahari ansässigen Stammes im fernen Westen

a ) So war mein erster Treiber im Jahre 1892 ein Betschuanakaffer, der damals wohl schon seit einem Jahrzehnt im Lande ansässig war.

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