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Deutsch-Südwest-Afrika : Ergebnisse einer wissenschaftlichen Reise im südlichen Damaralande / von Karl Dove
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Dove, Deutsch - Südwest - Afrika.

eine Verwischung ursprünglicher Eigenschaften und Gewohnheiten vorhanden waren. Einmal war durch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die in Windhoek herrschten, eine starke Vermengung aller möglichen Bevölkerungselemente eingetreten, die nicht entfernt mehr an das Bild erinnerte, das die Einwohnerschaft des Ortes zur Zeit des Jan Jonker Afrikander geboten haben mufs. Sodann aber war, wie das bei dem leichten Erwerb und der Verführung derGrofsstadt" Windhoek zu erwarten war, ein ziemlich arges Gesindel unter den zugewanderten Eingeborenen in grofser Menge zu be­merken, welches nicht gerade als typisch für die Farbigen und für die Bastards unsres Schutzgebiets gelten konnte. Gleichwohl bot sich immer noch reichlich Gelegenheit zu Studien, deren Besultate im folgenden mitgeteilt werden mögen.

1. Die Ovambo,

Ich hatte zu wenig Gelegenheit, mit Angehörigen des Ambostammes, der am nörd­lichsten wohnenden Bevölkerung unsres Schutzgebiets, zusammenzukommen, um mir ein Urteil über diese Leute zu erlauben. Hier sei darum nur soviel bemerkt, dafs trotz der weiten Entfernung des Ambolandes von den europäisch beeinflufsten Gebieten einzelne Ovambo in Diensten der Firma Mertens & Sichel standen wieder ein Beweis, wie schon die Anfänge europäischer Beziehungen gewisse Veränderungen in der Bevölkerungsverteilung zur Folge haben können.

2. Die Ovaherero. a) Körperbildung.

Der Stamm der Ovaherero oder Damaras, auch kurzweg Hereros genannt, gehört seinem körperlichen Habitus nach entschieden zu demselben Zweige der gröfsen Bantu- familie, dem man die Kaifernstämme Südafrikas zurechnet. Männer und Frauen sind wohl­gewachsen, und ihre Körpergröfse geht über das Durchschnittsmafs der Nordeuropäer hinaus. Die Entwickelung des Rumpfes und der Glieder ist eine ebenmäfsige, und man kann die Figur vieler Hereros als statuenhaft bezeichnen. Die Hautfarbe schwankt zwischen einem schwärzlichen Braun und wirklichem Schwarz, und die Gesichtsbildung ist nicht so neger­haft wie bei den westafrikanischen Stämmen. Häufig ist namentlich eine Nase von an­nähernd kaukasischer Form, und ich habe Hereros getroffen, die man trotz feststehender Reinblütigkeit wegen ihrer Gesichtsbildung für Mulatten hätte halten können. Auch den eigentümlichen, semitischen Typus, dem man unter den Sulus so häufig begegnet, findet man nicht selten bei den Ovaherero.

In der Gegend von Otjikango sollen sich die Hereros durch dunklere Hautfarbe von den andern Stammesteilen unterscheiden, und es wird behauptet, dafs hier eine Mischung mit Bergdamaras eingetreten sei. Auch von den Ovambandjeru, dem südöstlichen Stamme, wird von Einigen eine solche Mischung, von Andern wenigstens eine gewisse Stammes­verschiedenheit angenommen. Ob mit Recht, wage ich nicht zu entscheiden. Die Ovam­bandjeru, mit denen ich persönlich zusammengetroffen bin, unterschieden sich in keiner Weise von den gewöhnlichen Hereros.

b) Lebensweise und Sitten.

Da ich persönlich eigentlich nur auf der Reise mit Hereros zusammengetroffen bin und im ganzen nur etwa anderthalb Monate mich in den wirklich von ihnen bewohnten südlichen Landschaften aufgehalten habe, so kann ich natürlich aus eigener Erfahrung nur über das berichten, was ich von den bereits stark durch europäische Verhältnisse beein­flufsten Stammesteilen gesehen habe. Zunächst möchte ich indessen einem althergebrachten Irrtum entgegentreten. Man liest gewöhnlich, die Hereros seien erst im Anfang dieses oder gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in ihre heutigen Gebiete eingewandert. Dem