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3. Das Volk, dessen Glanben, Sitten, GewerbfleW
Zn den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung stand Abessi- nien auf der Höhe der damaligen Kultur; das Christentum, das ununterbrochen von Ägypten den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem römischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheil des Lebens war es uns ähnlich. Doch durch die Fortschritte des Islams vom Abendlande abgeschnitten, blieb es in seiner Entwickelung stehen; und wie der, welcher nur steht, zurückgeht, so ist auch Abesstnien zurückgegangen und hat oft genug den friedlichen Bauer unter die Waffen gerufen, weil derselbe seine Felder verwüstet, seine Ernten vernichtet sah, haben doch die Kriege die edleren Keime des Volkes noch nicht zu unterdrücken vermocht. Es giebt noch immer treue Gatlenliebe und nicht selten folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den frühen Tod! Brave Söhne opfern jahrelange Arbeit, um ihrem alten Vater angenehme Tage zu bereiten. Der müde Wandersmann oder frierende Bettler findet noch immer ein gastfreundliches Dach und der Mißhandelte einen Fürsprecher. Auch an ritterlichen Beschützern der Frauen und Schwachen fehlt es nicht.
Ist auch die Industrie noch in ihrer Kindheit, so weiß sich der Abessinier auch ohne fremde Zufuhr warm und gut zu kleiden. Nur der Luxus wendet sich ans Ausland. Die Goldarbeiter, Maurer, Schmiede und Drechsler weisen Arbeiten vor, deren sich unsere europäischen Handwerker nicht zu schämen brauchten. Wenn auch der Handel infolge der Unsicherheit immer mehr abnimmt, so darf man doch nicht glauben, es ständen die Abessinier ihren Brüdern, den Juden, Phöniziern und Arabern, an Krämergeist nach.
Schulen sind selten. Wie in unserem Mitlelalter lernen nur die Geistlichen und Ärzte lesen und schreiben. Die abessinische Schrift ist freilich auch sehr kompliziert: da die Konsonanten mit Buchstaben bezeichnet werden, die je nach dem angehängten Vokal sich umgestalten, so ist das abessinische Alphabet nahezu an 200 Buchstaben stark, die ein viereckiges Lapidaransehen haben; die altälhiopische Sprache ist dem Arabischen, mehr noch dem Hebräischen verwandt; sie lebt aber, gleich dem Lateinischen, nur noch in ihren Töchtersprachen und wird nur