202
fällt in einer Reihe von Katarakten auf einem Wege von 40 Meilen an 2000 m tief, wobei er viele Nebenflüsse aufnimmt.
Der Tana-See, eine Wassermasse von 60—70 Quadratmeilen, hat über 8 Meilen Breite und 12—15 Meilen Länge, im Norden 200 m Tiefe und füllt einen Teil des Amhara-Platcaus, dessen Höhe Rüppell auf 1910 w schätzt. Aus seinem klaren Wasser tauchen zahlreiche Basaltinseln auf, die mit dem frischen Grün subtropischer Gewächse bedeckt sind. Klöster, Kirchen und Einsiedeleien schauen überall mit ihren grauen, spitzen Strohdächern aus dem Schatten der Bäume hervor und verleihen dem See ein liebliches Ansehen. Seine Umgegend wird fleißig bebaut und von allen Seiten her von den Rinnsalen munterer Bergwasser durchzogen, daß mancher Europäer, wenn er diese lachende Landschaft überblickte, entzückt ausrief: Hier laß uns Hütten bauen! Bei Sturm und Gewitter dagegen gleicht der See einem wilden Meere. Hochauf türmen sich die Wogen, an die steilen Basaltfelsen der Ufer schlägt eine schäumende Brandung, weithin rauscht, wirbelt und brodelt es von übereinander- stürzenden Wellen, daß man den friedlichen Bcrgsee nicht wiedererkennt. Als Landesmerkivürdigkeit befindet sich einige Meilen von ihm eine steinerne Brücke, die in acht Bogen über den Blauen Nil führt an einer Stelle, wo dieser nur 2 ru breit ist. Doch stehen von diesem portugiesischen Baue nur noch die Pfeiler und die Trümmer ihrer Befestigungen.
Heuglin umwanderte einen Teil des Tana-Sees, den er für ein Kraterbecken, die Inseln für Kraterränder hält, da der See trichterförmig gestaltet zu sein scheint, viele Vorgebirge aus vulkanischen Gesteinen oder Basaltsäulen bestehen und die Ufer vielfach von Rissen und Spalten durchzogen sind. Dicht am Ufer ziehen sich Wiesen und Weidengebüsch hin mit stehenden Wasserflächen, auf denen es von rot- und gelbschnäbeligen Enten wimmelt, wogegen das felsige Ufer von Akaziengestrüpp und Schlingpflanzen umsponnen wird, hier und da riesige Aloes sich erheben, und der Reisende zuweilen, den schwierigen Zickzackwegen folgend, im Schatten großkroniger Feigenbäume ein Gehöft findet.
Im Ufergebüsch wimmelt es von Wildschweinen und Antilopen, im See von Flußpferden, welche von den Wvito harpuniert und