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bach überfallen ward, der die Beduinen, ihre Herden und Zelte unwiderstehlich mit sich fortriß und Menschen und Tiere in seinen Wellen begrub.
So sind die Tiefländer Abessiniens schön und doch furchtbar. Besser ist es zu wohnen in dem kalten, vom Wind gefegten, baumlosen, wildarmen Hochland. Die Erde giebt nicht so üppige Ernten, aber doch ergiebige; die kältere Luft ermöglicht die Arbeit. Der Mensch ist da stärker; der Ackerbau hat ihn seßhaft gemacht; Dorf reihet sich an Dorf. Die Natur ist besiegt, das Raubtier hat sich scheu in die Wildnis zurückgezogen. Die dunkelfarbigen Bewohner sind aber ein hartes, rauhes Geschlecht geblieben.
2. Der Tana-See und dessen Userlandschaften.
Das abessinische Alpenland ist reich an Alpenseeen, ja tief unten im Assal-See besitzt es ein Gegenstück zum Toten Meere, da er gleichfalls tiefer als das Meer liegt, von rauchenden Vulkanen und einer grauenhaften Stein- und Sandwüste umgeben ist und eine dicke Kruste Salz absetzt. Dieses ist hier selten und bildet einen namhaften Handelsartikel, da man Stückchen Salz in der Form von Wetzsteinen als Münze benutzt.
Großartig und dabei reizend gelegen ist der Tana-See, auf dem Hochlande liegend, der, von gewaltigen Bergzügen umkreist, dem ungeheuren Becken eines Kraters gleicht. Mehr als 30 Flüsse, z. B. Reb, Gumara u. a. münden in denselben und erhöhen durch die Massen des mitgesührten Schlammes so sehr dessen Bett und Ufer, daß derselbe bedeutend an Umfang abgenommen hat. Der Blaue Nil fließt von Westen her in denselben und verläßt ihn an der entgegengesetzten Seite wieder, um, in Schluchten herabstürzend, das Hochgebirge spiralförmig zu umziehen und dann bei Chartum in den Abiads zu münden. Er entspringt 3890 m hoch am Giesch-Abai, heißt daher Abi oder Abal, verbindet sich mit dem Kebezza, stürmt als breiter Strom in den See, verläßt denselben in einer Breite von 200 m, verengt sich dann in tieser Schlucht bis auf 5 m und