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würde ihnen deshalb nicht zürnen. So ließ ich sie eine ganze Woche lang, gab ihnen gut zu essen, und es entwickelte sich eine Arbeitslust bei diesen Burschen, wie ich's selber wahrgenommen. Leider wurden diese guten Jünglinge beim Überfall am 10. Januar, morgens Hl Uhr alle wieder geraubt.
„Der Neger bedarf, sobald er unter christlichen Einfluß kommt, einer strengen, mit Liebe gewürzten Zucht; denn bis jetzt wurde er belogen und betrogen, war unter einer ganz entgegengesetzten Herrschaft, die nur darauf bedacht war, seine Kraft auszunutzen, hier wird er alsbald herausfinden, man liebt mich, bestimmt und wahr muß man sein. So fühlt er sich in einer ganz anderen Atmosphäre."
3. Paul Reichards entscheidendes Urteil über den ostafrikanischen Neger.
Die entscheidende Stimme in allen die ostafrikanischen Neger betreffenden Fragen hat der hochverdiente Paul Reichard*), der fünf Jahre unter ihnen lebte und nach allen Seiten ihre Charaktereigenschaften und Fähigkeiten kennen zu lernen die beste Gelegenheit hatte. Seine rücksichtslose Wahrheitsliebe, die vor der Zerstörung mancher Trugbilder (siehe seine Aufsätze in der „Deutschen Kolonial- Zeitung") nicht zurückschreckt, machen seine Darstellung um so wertvoller. Wir geben zunächst seine Ausfassung der heuligen ostafrikanischen Negersrage und darauf seine Charakteristik der ostafrikanischen Neger überhaupt.
„Der Eingeborene", sagt Reichard („Deutsche Kolonial-Zeitung" 1889, Nr. 8), „legt jede Nachsicht und Nachgiebigkeit als Schwäche
*) Es verdient eine Rüge, daß Embacher (Lexikon der Reisen und Entdeckungen. Leipzig 1882), Miesler (Deutscher Geographen-Almanach 1884), Bormüller (Biographisches Schriftsteller-Lexikon. Leipzig 1332) Reichard nicht kennen, und daß auch Paul Heichen in seinem sonst verdienten Afrika-Handlexikon wohl den Artikel: „Redland", alter Dampfer auf dem Kamerunflusse — der Firma King aus Bristol gehörig — enthält, aber kein Wort über Reichard. B.