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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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19. Vereinigung der Hansestädte mit Frankreich

Niemals hätte eine Entscheidung unerwarteter sein können. Zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, gingen die Abgeordneten der Städte gegen Ende des vorigen Jahres nach Paris. Noch höhere Erwartungen von Begünstigungen durch Vergröße­rungen, welche die Städte sich nicht mal wünschten, die ihnen aber die sichersten Zeichen ihrer Fortdauer zu sein schienen, wurden im Anfang des Jahres 1810 erregt und von Zeit zu Zeit unterhalten. Die gnädigsten Audienzen hatte der Syndikus Gröning sowohl bei seiner Ankunft als bei der Überreichung der Glück­wünsche Bremens zu der hohen kaiserlichen Vermählung 1 erhalten. Die Beweise der Teilnahme, welche die Stadt bei dieser und anderen frohen Begebenheiten des Kaiserhauses bezeugte, waren mit solchem hohen Beifall aufgenommen, daß ihr Abgeordneter, gleich dem lübeckischen, eine goldene Dose mit brillantener kaiser­licher Namenschiffre aus den Händen des Ministers der auswärtigen Angelegen­heiten 2 zum Zeichen der Zufriedenheit empfing.

Und wenngleich die Gegenstände, welche die Sendung der Abgeordneten im vori­gen Jahre hauptsächlich veranlaßten, noch gar nicht zur Sprache kamen, sich keine Gelegenheiten ihnen darboten, ihrer Aufträge sich zu entledigen, ihr Streben da­nach vergeblich blieb, sie die Gegenstände, worüber sie sich beraten sollten und deren Mitteilung man ihnen zugesichert hatte, noch nicht kannten, so durfte dieses doch bei so manchen angenehmen Winken und bei dem schmeichelhaften Zutritt, den sie allenthalben genossen, keine Besorgnisse machen, nur die Vermutung erregen, daß die höhere Politik den gegenwärtigen Augenblick noch nicht für den schicklichsten halte, über die künftigen Verhältnisse der Hansestädte sich zu er­klären. Eben dadurch verloren sich die leisen Ahnungen bald wieder, die Hollands Vereinigung mit Frankreich 8 allerdings anfangs erregte.

Selbst Höfe, die mit dem Kaiserhause in der nächsten Beziehung standen, schienen auch dann noch die künftige Fortdauer der Hansestädte nicht zu bezweifeln, be­handelten sie bis zum letzten Augenblick mit der gewohnten Achtung. Beweise davon gaben des Königs Joseph Napoleon 4 förmliche Bekanntmachung seiner Besteigung des spanischen Thrones (im Juli), die ausgezeichnete Aufnahme der bremischen Abgeordneten an den König von Westfalen bei dessen Anwesenheit in Verden (im August), das huldvolle Schreiben, welches den Städten die Adoption des neuen Kronprinzen von Schweden, vormaligen Prinzen von Pontecorvo 5 , be­kanntmachte, besonders aber die Sendung zweier westfälischer Oberinspektoren der indirekten Steuern, Heiliger 6 und Fein, nach Bremen im Oktober, um Vor-

1 Napoleon heiratete am 1. Februar 1810 in zweiter Ehe Marie Louise (17911847), Erzherzogin von Österreich, Tochter Kaiser Franz' II.

2 Jean Baptiste Nompere de Champagny (S. 421, Anm. 8).

3 Das Königreich Holland wurde am 1. Juli 1810 Frankreich einverleibt.

4 Joseph Bonaparte (17681855), Bruder Napoleons, König von Neapel (reg. 1806 bis 1808) und Spanien (reg. 1808-1813).

5 Der französische Marschall Jean Baptiste Bernadotte (S. 341, Anm. 21) wurde 1810 von dem kinderlosen König Karl XIII. von Schweden als Thronfolger adoptiert.

6 Friedrich Heiliger (17621828), Kammersekretär in Hannover, war von 1810 bis 1813 Generalinspektor der Zölle und indirekten Steuern des Königreichs Westfalen mit dem Sitz in Kassel.

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