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Geschichte der Freien Hansestadt Bremen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Franzosenzeit / Christian Abraham Heineken. Bearb. von Wilhelm Lührs
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10. Reform des Pädagogeums

Auch Bildungsanstalten und Wissenschaften, Handlung und Schiffahrt, Künste und Gewerbe blieben in dieser Periode der bremischen Geschichte nicht ohne allen Gewinn.

Die erste reformierte Freischule entstand im Jahre 1772, wozu man ein Haus in der Ölmühlenstraße ankaufte und zum Unterhalt dieser Schule außer den Ge­schenken und Vermächtnissen den Ertrag des Armensäckels in den Wochen­predigten der altstädtischen Pfarrkirchen bestimmte.

Eine angenehme Erscheinung aber mußte es dem Verehrer der Wissenschaften die Aufmerksamkeit sein, die man einer besseren Einrichtung des Pädagogeums 1 schenkte. Diese Schulanstalt verdankt, so wie viele ähnliche Institute anderer Orte, ihre Entstehung der Kirchenreformation. Sie hatte daher, gleich diesen ihren Schwestern, das Schicksal, nach dem damaligen Gesichtspunkt, aus welchem man solche betrachtete, bloß eine Bildungsanstalt für künftige Gelehrte zu werden. Neben dem Unterricht in der Religion blieben lateinische und griechische Sprache und die sogenannte Beredsamkeit in ihr die Hauptsache und außer diesen einige Stunden in den unteren Klassen dem Singen, dem Lesen und dem Schreiben ge­widmet. Aber selbst dieses letzte so unvollkommen, daß sich in den höheren Klassen nicht mal Tische befanden, an welchen man schreiben konnte, daß viel­mehr der Schüler, sobald er Quarta verließ, es sich beinahe zur Schande rechnete, einen anderen Schreibtisch als seine Knie zu haben und, wenn nicht Privatunter­richt dem Übel abhalf, mit dem bekannten Docti male pingunt 2 sich tröstete. Zwar hatte die Einrichtung dieser Lehranstalt von Zeit zu Zeit einige Ver­änderungen erhalten, der Hauptcharakter blieb indessen immer der nämliche, ungeachtet doch in Bremen als einer blühenden Handelsstadt die meisten Söhne angesehener Eltern sich der Handlung widmeten, mithin keine bloß gelehrte Bil­dung brauchen konnten, und ungeachtet Bremen außer dieser vorzugsweise so­genannten Lateinischen Schule und deren Nebenbuhlerin, dem jetzigen Lyzeum 3 , nur Pfarrschulen besaß, welche die Grenzen der echten Trivialschulen 4 nicht über­schritten.

Endlich sah man das Mangelhafte einer solchen Einrichtung immer mehr ein, be­sonders da der angehende junge Kaufmann einer ungleich mannigfaltigeren Aus­bildung als ehemals bedurfte und die Idee, in den Schulen mehr als bloßen Sprachunterricht zu geben, in vielen Gegenden Deutschlands sich immer weiter verbreitete. Auch hier faßte das Scholarchat 5 also den Entschluß, diese bisherige sogenannte Lateinische Schule in eine Realschule zu verwandeln, worin der künftige Gelehrte so gut wie der Kaufmann und Künstler seinen Unterricht finden sollte. Neben der Unterweisung in der Religion, dem Lateinischen, dem Griechi-

1 Über das Pädagogeum vgl. S. 40.

2 Gelehrte schreiben schlecht.

3 Die lutherische Lateinische Domschule, seit 1804 Lyzeum genannt.

4 Über die Trivialschulen vgl. S. 318.

5 Die Aufsicht über das Gymnasium und das Pädagogeum führten ein Bürgermeister und ein Ratsherr als Scholarchen.

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