Nach 1532 und 1539 ist 1550 das dritte Jahr, für das eine vereinzelte Nachricht über das Auftreten der Pest vorliegt. Der Bremer Seeschiffer Brüning Rul- ves schrieb sie weit später, nach seiner Übersiedlung in das Haus Seefahrt 1581, nieder, als er vom Tode seines Stiefbruders berichtete. "Anno 1550 starb mein Bruder Johan van Mynden. Wir waren in Bergen gewesen, der starb da tapfer, als wir auf die Weser kamen. Wir fahren vom Schiff und er sieht nach dem Rahbeschlag aus, da fällt ihn die Pestilenz an; er kommt so schnell nach Bremen wie wir, liegt dann schwerkrank wohl acht Tage, zuletzt geht ihm der Mund zu. Der Atem geht ihm aus den Nüstern, daß es eine Marter von Gott war, und als er starb und in den Tod wandelt, da wurde sein Haar auf dem Kopf so grau wie eine Taube aussieht und so steif wie die Stacheln eines Igels, wenn man ihm über den Kopf strich; er hatte einen kurzen Haarschopf. Gott sei der Seele gnädig und barmherzig." 82 Trotz ihrer isolierten Stellung verdient die Nachricht Aufmerksamkeit, weil sie zum erstenmal einen für die Hafenstädte besonders naheliegenden Weg der Einschleppung ausdrücklich nennt, nämlich den zu Schiff. Vielleicht sahen in ihm auch frühere Chronisten eine besondere Gefahr, wenn sie immer wieder vom großen Sterben gerade in den Seestädten sprachen, und schließlich kann der "Englische Schweiß" auch nicht anders Eingang gefunden haben.
4. Die Pest während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
Ein neuer starker Ausbruch 1566 ist von mehreren Seiten zuverlässig bezeugt; anscheinend hat es schon 1565 einige Fälle von Erkrankungen gegeben. Vermutlich wurde Bremen von Hamburg aus ergriffen. Der bremische Stadtarzt Dr. Johann von Ewich gab davon 1582 folgende Darstellung: "Welch eine erschreckliche, greuliche und unerhörte Pestilentz war zu Hamburg Anno 1566, welche von einem einigen Menschen, so von Dantzke [Danzig] dahin kommen war, iren Anfang genommen, wie viel glaubwirdige Leute und derselben Stadt Einwohner berichten. Und das ich letzlich auff uns komme, so ward diese Stadt Bremen auch eben zu der Zeit durch einen einigen Menschen, der von Hamburg herab kranck zu uns kam, dermassen in gar wenig Tagen vergifftet, das fast keine Gasse von der Seuche frey war, wiewohl widerumb so wenig Leute daran umbkamen, das in keiner andern Seestad (die alle mit der Pestilentz bedruckt waren) so wenig gestorben als allhie. Welches dann ohn allen Zweiffel der sonderlichen Gnade Gottes und der Obrigkeit und Ertzte Fürsich- tigkeit und Fleis [...] zuzuschreiben." 83 In krassem Gegensatz zu Ewichs Men-
82 Focke, Seefahrtenbuch, S. 99. Das Buch befand sich im Focke-Museum Bremen und ist seit längerer Zeit verschollen, so daß eine Wiedergabe des niederdeutschen Originaltextes unmöglich ist. Auf diese Stelle geht die undatierte Erwähnung der Pest bei Entholt, Schütting, S. 6, zurück.
83 Zu Ewichs Pestschrift von 1582 vgl. unten S. 122-126. An anderen Stellen nennt er 1565 als Jahr des Ausbruchs, wenn er die Frage behandelt, ob die Obrigkeit sich der Untertanen auch in gesundheitlicher Hinsicht annehmen müsse. "Letzlich hat
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