nichts her. Nimmt man die Nachrichten wörtlich, stecken sie voller unauflöslicher Widersprüche. Stellt man sie in die Reihe der Chroniken, in denen eine beliebig hohe Zahl gewählt wird, um einen Sachverhalt zu veranschaulichen, werden die Motive ihrer Verfasser deutlich. Wer anderes meint, muß auch erklären, warum er der bremischen Überlieferung eine Zuverlässigkeit zuschreibt, die z. B. die lübische schon deshalb nicht haben kann, weil hier drei verschiedene Quellen drei ganz verschiedene, aber jedenfalls phantastische Zahlen von Pesttoten an einem Tage nennen, nämlich 2500, 1500 oder 500 37 .
2. Die Pest nach dem Großen Sterben bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts
Noch nicht zehn Jahre später trat die Pest wieder in der Küstenregion auf. In der Chronik des Franziskanermönchs Detmar heißt es: "In deme jare Christi 1359 des somers was grot stervent in allen steden bi der zee, unde warde to deme Sunde aller lenghest bet na twelften." 38 Schon hier tut sich eine Schwierigkeit auf, die sich auch in anderen Jahren wiederholt: Die Chronisten sprechen nicht selten allgemein vom Auftreten der Pest in den Seestädten oder heben einzelne Orte heraus mit dem Zusatz, daß es bei den Nachbarn kaum besser gestanden habe, ohne deren Namen zu nennen. Koppmann hat aus den Kämmereirechnungen Hamburgs nachgewiesen, daß in dieser Stadt 1358 wegen des plötzlichen Sterbens (pro morte subitanea) Prozessionen stattfanden, also offenbar die Pest herrschte 39 . Ein Übergreifen auf Bremen ist ebensowenig zu beweisen wie auszuschließen.
Gesichert erscheint dagegen die Epidemie von 1375 bis 1377. In der Chronik von Rinesbech und Schene wird berichtet: "In deme jare des heren 1375 do begunde ene pestilencie to Bremen und warede twe jare alumme unde umme.“ 40 Auch Detmar erwähnt diese "grot pestilencie bi der zee in vele ste-
37 Vgl. E. Peters, S. 141. Für die unmöglich zutreffenden Pesttotenzahlen in mittelalterlichen Quellen weitere Beispiele für Wien und Erfurt bei Kronshage, S. 306 Anm. 81; für Basel, Straßburg, Speyer, Worms und Mainz Platter, S. 23.
38 Die Chroniken. Lübeck, Bd. 1, S. 528. Detmar, der seit 1368 als Lesemeister bei den Franziskanern in Lübeck bezeugt ist, begann 1385 mit seinen chronistischen Arbeiten, die er bis 1395 fortsetzte, vgl. Bruns, Kock, S. 87. Eine Zusammenstellung von Nachrichten über Pestausbrüche in Niedersachsen und benachbarten Gebieten zwischen 1350 und 1388 bietet H. Hoffmann, S. 207-213; für die Niederlande zwischen 1349 und 1500 Blokmans, Zusammenfassung S. 851-854. Beide Untersuchungen werten neben den subjektiv gefärbten Berichten der Chronisten auch Verwaltungsschriftgut mit Angaben über Preise, Löhne und Steuern aus, das in Bremen in vergleichbarer Form nicht erhalten ist.
39 Koppmann, Geschichte, S. 127.
40 Die Chroniken. Bremen, S. 169. Das wenige Jahre später, 1382, zusammengestellte Bremer mittelniederdeutsche Arzneibuch des Arnoldus Doneldey enthält keine Hinweise zur Pestbekämpfung. Vermutlich erfolgte die Bearbeitung durch Doneldey in seiner Eigenschaft als einer der Verwalter des St.-Jürgen-Gasthauses, zu dessen Aufgaben auch die Krankenpflege gehörte; vgl. Windler.
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