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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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sollten. Das lehnte der Rat jedoch ab. In anderer Hinsicht verfuhr er großzügi­ger. Es wurden gelegentlich Leute aus Holstein und dem Herzogtum Bremen eingelassen, wenn sie Gesundheitspässe vorwiesen und beeideten, an keinem verdächtigen Ort gewesen zu sein. Wünschte der Kapitän des Stadtmilitärs Jo­hann von Aschen seine minderjährigen Neffen aus dem Land Wursten in die Stadt zu holen, durften sie "ohne viel bruit eingelassen werden.

Aus Gröpelingen kehrte nun auch der Pestchirurg Sarnow zurück. Er erhielt ein geringes Gehalt angeboten, damit er sich noch eine Zeitlang für den Fall neuer Nöte bereithalte. Vor allem aber wurde ihm als Belohnung die Aufnah­me in das altstädtische Barbieramt, dessen Mitgliederzahl begrenzt war, oder aber die Einsetzung zum Barbier in der Vorstadt in Aussicht gestellt.

Am 19. Mai erhielten auch die hannoverschen Soldaten in Gröpelingen den Befehl zum Abzug. Die Dorfbewohner waren nun nicht mehr in ihrer Bewe­gungsfreiheit eingeschränkt. Damit war ihre Not aber nicht behoben. Sie klag­ten wie schon zuvor ihr Prediger über ihre starke Schädigung durch die " con- tagiöse Krankheit" und baten um Erlaß der Kontribution. Die Wittheit ge­währte ihn nur für das vergangene Jahr und mit dem Zusatz "vorerst", so daß eine spätere Nachforderung Vorbehalten blieb. Die Kontribution für 1713 mußte in voller Höhe entrichtet werden.

Während die Hannoveraner damit begonnen hatten, ihre Wachen zu verrin­gern, drohten Ende Mai die Dänen mit der Einrichtung einer Gegenpostie- rung, die den Borgfeldern den Zugang zu ihrem Land und Vieh nördlich der Wümme verwehren würde. Das hätte die Wiederkehr aller der Ärgernisse be­deutet, die im Herbst zuvor durch hohe Zahlungen aus dem Weg geräumt worden waren. Anlaß für die Dänen war offenbar die Unzufriedenheit der Ein­quartierten mit der mangelhaften Versorgung durch ihre Wirte, wenn es um die Beschaffung von Waren ging, die man nur in Bremen kaufen konnte.

Auch im Mai kam es wieder zu Todesfällen durch die Pest, die aber nicht zahlreicher waren als im April und sich wiederum mit einer Ausnahme in der benachbarten Rosenstraße auf die Straße Hinter dem Abbentorswall be­schränkten, die zum Bezirk der Bürgerkompanie B gehörte. Von Februar bis Ende Mai zählte man hier in zehn Häusern mehr als 20 Verstorbene, von denen 16 namentlich bekannt sind. Es handelte sich um drei Männer, darun­ter zwei Soldaten, fünf Frauen und acht Kinder. Nur in einem Haus Hinter dem Abbentorswall, in dem eine Person an der Pest erkrankt war, kamen alle fünf Bewohner mit dem Leben davon. Um einen Einzelfall handelte es sich auch bei dem Hause des Grenadiers Bruns, das durch seinen und seiner Frau Tod leer wurde, weil sie die einzigen Bewohner waren. Sonst gab es überall Überlebende, darunter auch Genesene. Bei den beiden in anderen Straßen in der Nähe, nämlich Hinter dem Schützenwall und in der Rosenstraße, Verstor­benen handelte es sich um Frauen.

Mit ihrem Antrag, die gesammelten "Plünnen" endlich verwerten zu dürfen, stieß die Witwe Rohrs Anfang Juni in ein Wespennest, denn Lumpen galten als besonders gefährlich bei der Übertragung der Pest, weshalb ja auch die Ein­fuhr von alten Kleidern längst verboten worden war. Der Camerarius wurde mit der Untersuchung beauftragt, ob die Lumpen nicht verbrannt werden müßten. Natürlich wehrte sich die Betroffene mit aller Kraft. Sie verlöre dabei

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