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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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B. FALLSTUDIE:

DIE PEST IN BREMEN ZUR ZEIT DES NORDISCHEN KRIEGES

I. Vorboten - Vom Auftreten der Pest in Ostmitteleuropa 1709 bis zur Bedrohung Bremens 1711

Am 8. Juli 1709 verlor König Karl XII. von Schweden die Schlacht bei Poltawa in der Ukraine gegen Zar Peter den Großen und mußte in die Türkei flüchten. Der stärkste Gegner Rußlands bei seinem Aufstieg zur Großmacht war unter­legen, aber der neun Jahre zuvor ausgebrochene Nordische Krieg damit noch keineswegs beendet. Peter nahm die Länder am Baltischen Meerbusen in Be­sitz, in Polen kam es zu Kämpfen, die Dänen versuchten, die südlichen Pro­vinzen Schwedens zu erobern.

In Bremen fanden diese Vorgänge starke Beachtung. Schließlich war Schweden unmittelbarer Nachbar der Hansestadt, denn das frühere Erzstift Bremen und das alte Bistum Verden, also der größte Teil des Landes zwischen Elbe und Weser, gehörten seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 unter der Bezeichnung Herzogtümer Bremen und Verden als Reichslehen zu dem skandinavischen Staat. Zweimal, 1654 und 1666, hatten sogar Versuche stattgefunden, die Stadt mit militärischer Gewalt in dieses Territorium ein­zugliedern. Auch nachdem sie gescheitert waren, befanden sich weiterhin schwedische Verwaltungsdienststellen in Bremen, die den übernommenen Be­sitz des Erzbischofs und des Domkapitels bewirtschafteten. Sie waren politisch und militärisch bedeutungslos, erschienen aber wie vorgeschobene Horchpo­sten, die genaue Beurteilungen der Lage an der Weser nach Stade, dem Ver­waltungsmittelpunkt der Herzogtümer, oder direkt nach Stockholm vermitteln konnten 1 .

In Bremen vermochte niemand abzuschätzen, ob die Veränderungen im eu­ropäischen Staatensystem von Dauer sein und sich auch auf Nordwest­deutschland auswirken würden. Vorläufig hielten zwar die Dänen gegenüber den Herzogtümern still; das konnte sich aber jeden Tag ändern, denn von dem in ihrem Besitz befindlichen Holstein aus brauchten sie nur die Elbe zu über­schreiten, wollten sie die Schweden an besonders schwacher Stelle treffen. War man sich in Bremen auch unsicher über die weitere politische und mi­litärische Entwicklung in der Nachbarschaft, so wußte man aber schon im Sommer 1709, daß sich im Gefolge der marschierenden Truppen in Ostmittel­europa die Pest verbreitete 2 . Durch Schreiben aus Hannover und Hamburg er-

1 Zum Status der Stadt Bremen und der hier arbeitenden schwedischen Beamten vgi. zuletzt Fiedler, S. 166-169, 234-243.

2 Der Zusammenhang zwischen militärischen Bewegungen und Seuchenausdehnung kommt deutlich in Nachrichten zum Ausdruck, die unter dem Datum des 30. Juli 1709 in Hamburg zur Übermittlung nach Bremen zusammengestellt wurden. "In Pohlen höret man sonst wieder großes Elend wegen der Contagion, insonderheit in

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