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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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III. Ausbreitung - Das Pestjahr 1713

Das neue Jahr begann mit den alten Klagen 77 . Am 2. Januar 1713 baten die Tuchhändler, die Einfuhr in Scharmbeck, also jenseits der Lesum, hergestellter Tuche zu genehmigen. Eine offizielle Erlaubnis zu erteilen wagte der Rat nicht. Gerade um diese Zeit forderten ja die hannoverschen Beamten das Auf­eisen von Wümme und Lesum, um den durch das Zufrieren möglichen Ver­kehr zu Fuß, bei dem auch Tuche hereingebracht werden konnten, zu unter­binden. So hieß es denn hinhaltend, man müsse erst beim Drosten von Verden eine Klärung herbeiführen. Aber es kam einer Aufforderung an die Mißach­tung der Sperrvorschriften gleich, wenn in einer Wittheitssitzung den Wachen hinsichtlich des Umgangs mit Tuchlieferanten aufgetragen wurde, "in deßen wäre, wan dieselbe zuweilen solten heimblich hereinschleichen, dabey als viel möglich zu conniviren". Vergleichbar mit den Sorgen der Tuchhändler waren die der Lohgerber, die die Einfuhr einer großen Partie Felle wünschten. Es fehlte an manchen Stellen auch die Arbeitskraft der Vegesacker, die für Han­del und Schiffbau in Bremen unentbehrlich war. Durften sie schon nicht auf dem Wasserweg kommen, sollte man ihnen wenigstens den Landweg freige­ben, was freilich der Sperrung der Weser den Sinn genommen hätte.

Einen Lichtblick brachte die am 6. Januar bekanntgewordene Meldung des Gröpelinger Pastors Köhler, daß in seinem Dorf alles Übel aufgehört habe. Gottesdienst durfte er trotzdem weder hier noch in Walle abhalten. Nur die Bewohner nicht infizierter Häuser in Walle erhielten die Erlaubnis, die St.- Michaelis-Kirche in der Vorstadt zu besuchen.

Der die dänischen Interessen in Bremen vertretende Regierungsrat Ötken meldete am 30. Januar der Regierung in Stade, obwohl wegen des Erlöschens der Pest die hannoversche Postierung abgezogen werden könnte, seien 50 Mann zur Ablösung nach Burg gekommen. Dem Kurfürsten diene die Seuche nur noch als Vorwand, um das weitere Vorrücken der Dänen zu verhindern und ihnen Einkäufe in Bremen unmöglich zu machen 78 .

Beunruhigung erzeugten die Nachrichten, daß im Februar ein Schleichhan­del mit verdächtigem Gut aus Pestorten in Gang gekommen sei. Der Amtmann von Syke zeigte an, eine Frau aus Hameln habe den Pestchirurgen in Brinkum gebeten, für sie bei diesen Sterbezeiten Kleidung zum halben Preis aufzukau­fen. Den Transport sollte der oberländische Schiffer Katenkamp übernehmen, der auch schon heimlich "inficirte meubles" nach Hameln gebracht habe. Der Rat erwiderte, daß ihm kein Schiffer dieses Namens bekannt und der Vorgang womöglich fingiert sei, um den Chirurgen zu schädigen. Aus Achim erfuhr

77 Die Angaben zum Jahr 1713 sind überwiegend den bereits zu 1711 und 1712 (vgl. S. 22 Anm. 12, S.28 Anm. 22) genannten Quellen entnommen. Die Wittheitspro- tokolle für die Zeit nach dem 15. Januar 1713 befinden sich unter der Signatur 2- P.6.a.9.c.3.b.25. Für 1713 wichtiger als für die vorangegangenen Jahre ist auch das Protokollbuch des Collegium Medicum, 2-S.7.a.l.a.2.

78 StA Stade, Mikrofilm S 11.550 (Originale Reichsarchiv Kopenhagen, Regierungs­kanzlei in Glückstadt, Nr. 132, Conv. 10).

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