A. EINLEITUNG:
FORSCHUNGSSTAND, AUFGABENSTELLUNG UND QUELLENLAGE
I. Forschungsstand
Im Februar 1716 wurde in Bremen der Arzt Dr. Simon Klug in das St.-Jakobi- Witwenhaus entsandt, um dem Gerücht auf den Grund zu gehen, daß dort die Pest ausgebrochen sei. Klug konnte die aufgekommene Furcht schnell zerstreuen. Die drei Todesfälle, über die er zu berichten hatte, gingen auf andere Ursachen zurück. Ein Mann war "von Stralsund nackt und bloß in großer Kälte und vielem Ungemach nach einer siebenwöchigen Reise allhier angelanget, als ist er bald darauf erkranket und nach viertägiger Niederlage gestorben' 1 . Er hatte beim Waten durch den tiefen Schnee schwere Erfrierungen am Unterleib davongetragen, die den kalten Brand nach sich zogen, war also auf ganz natürliche Weise und keineswegs durch "eine böse Krankheit" umgekommen. Seine Mutter, die er im Witwenhaus besucht hatte, und eine weitere Hausbewohnerin, die gleichfalls verstorben waren, wiesen ebenfalls keine Anzeichen der Pest auf. Ihren Tod und die Leiden einer dritten Witwe, die zu Bett lag, schrieb Klug "wie auch nicht unbillig, der großen Kälte zu, weilen sie keine Stube in ihrem Hause haben", also nicht heizen konnten 1 .
Der Tod konnte ebenso infolge des Mangels an einfachsten Versorgungsgütern eintreten wie durch die Einschleppung gefährlichster Seuchen. Während aber das Erfrieren keine ganz seltene Erscheinung war 2 und auch keine umfangreichen Hilfsmaßnahmen hervorrief, weil arme Leute nun einmal nicht immer genug Geld zum Heizen hatten, zog man zu Anfang des 18. Jahrhunderts schon die Konsequenz aus dem Wissen, daß rechtzeitige Einleitung von Schutzmaßnahmen vor der gefürchtetsten Seuche bewahren konnte, vor der Pest, die nicht nur Vermögenslose bedrohte. Ihren Erreger und die Form ihrer Weiterverbreitung kannte man noch nicht. Weil der Pestkranke häufig dunkle Verfärbungen aufwies ähnlich den durch Erfrierungen verursachten Gewebeveränderungen, konnte der Arzt nicht auf Anhieb die richtige Diagnose stellen. Es war noch nicht gesicherte Erkenntnis, wenn auch schon weit verbreitete Vermutung, daß die Pest im Winter nur ganz selten auftreten und ein Mensch, der wochenlang in eisiger Kälte auf der Landstraße unterwegs gewesen war, die Seuche kaum anderswo einschleppen konnte.
1 Protokolle des Collegium Medicum Physicorum, 2-S.7.a.l.a.2., S.112 f.
2 In seinem Diarium hielt der bremische Bürgermeister Henrich Meier zum Jahr 1658 fest, daß in diesem strengen Winter "auch einige Menschen wie anderstwoh also auch in diese Stat todt gefrohren", 2-P.l.h.6.a., S. 247. Imhof, S. 217, führt als Hauptgründe für die oft doppelt so hohe Sterblichkeit in den Unterschichten in harten Wintern Unterernährung und Mangel an Bekleidung an.
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