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A. Kritik orometriscker Werte.
und Bergabhänge zu überschätzen, so hat dies seinen psychologischen Grund darin, dafs die senkrechten Linien in der Ferne stets gröfser erseheinen als gleichgrofse Horizontale 1 . Da ist es denn wünschenswert, wenn die Berechnung genauer und zahlreicher Gehäugewinkel das Auge korrigieren und richtig schätzen lehren. Die jetzt von der Geographie immer mehr in den Dienst genommene Photographie leistet in dieser Beziehung dieselbe vortreffliche Hilfe. — Wenn Penck bemüht ist, bei orometrischen Untersuchungen „die Allgemeinheit des Winkels zur Voraussetzung zu machen" und an Stelle des Kammgehängewinkels den mittleren Böschungswinkel des Gebirges wieder einzuführen, nachdem zuerst Koristka dessen Bedeutung für die Charakterisierung der Bodengestalt hervorgehoben hatte, während sie von Sonklar wieder aufser acht gelassen worden war, so ist zu bedenken, d als der mittlere Böschungswinkel eines ganzen Gebirges infolge der grofsenVerschiedenheiten unzähliger Einzelwinkel immer höchst ideell und schwebend und unnatürlich sein wird und mit Neumann 2 als die unsicherste Gröfse der Orometrie bezeichnet* werden mufs. Um so wertvoller ist die Feststellung der mittleren Gehänge winkel einzelner Abdachungen, der Neigungswinkel einzelner Gehänge.
XI. Volumen und mittlere Grebirgshöhe.
Uber den Wert der Volumenbestimmung eines Gebirges läfst sich nur sagen, dafs es interessant ist zu wissen, ein Gebirge hat so und
1 Nach Wundt (Grundrifs der Psychologie, S. 136 ff.) sind es neben den Netzhautempfindungen auch die die Bewegung der Augen begleitenden Empfindungen, welche die Sehvorstellung beeinflussen. Diese hängt von der beim Durchlaufen der Distanz angewandten Bewegungsanstrengung des Auges ab. Eine Distanz erscheint um so gröfser, je intensiver die Empfindungen sind, welche die Bewegungen des Auges begleiten. Thatsache ist nun, dafs zunächst Auf- und Auswärtsbewegungen der Augen intensivere Empfindungen als Ab- und Einwärtsbewegungen verursachen, dafs aber infolge der Gewöhnung — die näheren Objekte eres Sehraumes werden häufiger betrachtet als die entfernten — und durch eigentümliche Hilfs- uud Kompensationsmuskel die Bewegungsanstrengung bei Auf- und Abwärtsbewegungen gröfser ist als bei Aus- und Einwärtsbewegungen. Die Folge davon ist, dafs alle vertikalen geraden Linien gegenüber gleichgrofsen horizontalen regel- mäfsig überschätzt werden. Und da das Auge bei Schätzung eines Gehängewinkels zunächst die Senkrechte schätzt, welche durch den oberen Endpunkt des Gehänges oder durch den Gipfelpunkt des betreffenden Berges geht, indem es unwillkürlich die Distanz vom Fufse bis zum oberen Endpunkte durchläuft, so überschätzt es auch diesen.
2 Neumann, Orom. Studien VIT, S. 377.