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Beiträge zur Geographie des mittleren Deutschland / hrsg. im Auftrag des Vereins für Erdkunde und der Carl Ritter-Stiftung von Friedrich Ratzel
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Böschungswinkel.

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Von Pirna bis Tetschen zeigt das Erzgebirge eine Breite von 27 km, die das Elbthal in verschiedenen Windungen durchschneidet. Im Verhältnis zu der mittleren Breite des Erzgebirges von 42 km ist das gewifs eine geringe Ausdehnung.

X. Böschungswinkel.

Im vorigen wurde bereits angedeutet, dafs die Bedeutung des Gebirgsareals nur in Verbindung mit dem mittleren Neigungswinkel der Gehänge recht beurteilt werden kann. Der Wert und die Be­deutung des Gehängewinkels für die Veranschaulichung orographischer Verhältnisse eines Gebirges, weiter für die Erosion der Wässer und für den Anbau und die Bevölkerung und den Verkehr auf den Ab­hängen leuchtet also ohne weiteres ein. Es ist auch nicht nötig, besonders hervorzuheben, dafs im allgemeinen bei den aus Gneis und Granit aufgebauten Kämmen die Neigungswinkel erheblicher sind, als bei den aus krystallinischen Gesteinen, und bei diesen gröfser als bei den aus Sedimentgesteinen, und dafs steile Gehänge felsig und unwirtlich, sanfte dagegen für die Zwecke der Feldwirt­schaft oder Viehzucht geeignet sind. Immer wird man aber die Erfahrung machen, dafs die mittleren Neigungswinkel der Kamm­gehänge auch in den Hochgebirgen nicht so grofs sind, als auf die- blofse Anschauung hin so leicht angenommen wird. In der Kegel ist das Auge geneigt, das Gefälle eines Gebirges oder Bergabhanges zu überschätzen 1 . Auch bei Landschaftszeichnungen macht sich geltend, dafs das menschliche Auge die Steilheit der Gehänge in hohem Grade überschätzt, indem dieselben bei ihnen fast immer sehr stark über­höht dargestellt werden. Und nicht nur Unkundige verfallen leicht in diesen Fehler, auch wissenschaftliche Werke enthalten derartige Übertreibungen.In Wirklichkeit ist die Steilheit der Gehänge geringer als man sich gewöhnlich denkt. Die geringste dem Auge bemerkbare Neigung ist 10'= Ve 0 , die Mont Cenisstrafse 4°, Sim- plonstrafse 5° 43', die steilste, für Fuhrwerke noch fahrbare Strafse 13 °, Neigung eines schwer zu erklimmenden Abhanges 35 0 ; Neigung der steilsten Teile vulkanischer Kegel 42 0 ; Neigungen von Maultieren noch begangen 29°, für Schafe 50°, unersteiglich 55°." 2 Gefälle von 1015° machen einen milderen Eindruck, solche von 30° schon einen kühnen.

Wenn das Auge so leicht geneigt ist, die Steilheit der Gebirgs-

1 Die Überschätzung des Gefälles wird schon von Olearius getadelt. Auch Goethe weist darauf hin, dafs man sich die Erhellungen stets zu steil denkt.

2 Ratzel, Die Erde, Kap. XIII.