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Beiträge zur Geographie des mittleren Deutschland / hrsg. im Auftrag des Vereins für Erdkunde und der Carl Ritter-Stiftung von Friedrich Ratzel
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A. Kritik oromctrischer Werte.

Teile wieder aus, sodafs sich auch dieser Faktor nicht besonders geltend macht.

Auch der Gesteiiischarakter hat bei dem Thüringerwalde i. e. S. auf eine verschiedene Thalentwicklung keinen besonderen Einflufs. Es würde der Fall sein, wenn die Abdachungen Gesteine mit ver­schiedener Durchlässigkeit aufzuweisen hätten. Gehänge mit undurch­lässigem Boden lassen das Wasser mehr abfliefsen als einsickern und geben infolgedessen mehr Veranlassung zur Erosion als solche mit durchlässigem. Eine durch Klima- und Niederschlagsverhältnisse be­dingte Verschiedenheit der Erosion kann also auf diese Weise ver­stärkt, aber auch wieder ausgeglichen werden. Bei dem Thüringer­wald kommt dieser Faktor deshalb nicht in Betracht, weil sich eine Verschiedenheit im Gesteinscharakter beider Abdachungen nicht geltend macht.

Im allgemeinen ist aber der Gesteinscharakter des Thüringer- waldes der Thalbildung günstig, günstiger als im Jura oder Karst die Kalksteine. Dasselbe gilt von den verhältnismäi'sig reichen Nieder­schlägen, welche auch die auf der SW-Seite des Thüringerwaldes etwas weiter vorgeschrittene Thalentwicklung im allgemeinen bedingen mögen.

IX. Areal.

Von derselben Bedeutung, welche die Thäler für Verkehrs- und Besiedelungsverhältnisse eines Gebirges zeigen, ist die Fläche, das Areal desselben. Aber in den allermeisten Fällen ist bei Bestimmung der Gebirgs- und Höhenstufenareale nicht die wirkliche Oberfläche des Gebirges, resp. der Gebirgsstufe, sondern die projicierte Fläche, also die Basis, von Interesse, deren Kenntnis auch bei der Volumen­bestimmung des Gebirges und des Sockels Voraussetzung ist. Die Be­rechnung der wirklichen Oberfläche eines Gebirges ist nicht allein ungemein langwierig, ihr Resultat ist auch nicht, und zwar nicht ein­mal annähernd der Wirklichkeit entsprechend. Aber abgesehen davon, dafs der Zahlenausdruck für eine wirkliche Fläche die allerunsicherste und ungenaueste orometrische Gröfse ist, er würde einen Vergleich mit anderen Gebirgen erst dann ermöglichen, wenn auch von diesen neben der wirklichen Flächenausdehnung das Areal und der mittlere Böschungswinkel bekannt sind; denn ohne diese ist eine annähernde Vorstellung über die Art und Weise, wie sich eine wirkliche Fläche über einer Basis ausdehnt, unmöglich. Im übrigen hat sie in wirt­schaftlicher und orographischer Hinsicht so wenig Bedeutung d. h. ohne Kenntnis ihres Neigungswinkels dafs von ihrer Bestimmung bei allgemeinen orometrischen Untersuchungen abgesehen werden kann.