Druckschrift 
Beiträge zur Geographie des mittleren Deutschland / hrsg. im Auftrag des Vereins für Erdkunde und der Carl Ritter-Stiftung von Friedrich Ratzel
Entstehung
Seite
300
Einzelbild herunterladen
 

300

A. Kritik orometrischer Werte.

Ausnahmen als Bestätigungen haben. Man denke nur einmal an unsre Basaltberge: Im Erzgebirge die bekannte Kastenform des Pöhl- berges, in Nordböhmen vollendete Kegel und gleich daneben sanft gerundete Hügel wie flache Kugelsegmente. Und ein Fremder möge aus der Ferne oder mit Hilfe einer bildlichen Darstellung erraten, dafs der Greifenstein aus Granit besteht! Anderswo bildet letzterer Kugelsegmente und flache Rücken, wie auch der Sandstein z. B. am Sonnenberge bei Waltersdorf i. S. Phonolith kommt in prächtigen Kegeln, langen Rücken und Hügeln vor. Wie will man nun einer Höhe in Form eines Kugelabschnittes ansehen, ob das Gestein Granit oder Basalt oder Phonolith oder Sandstein oder ein krystalliner Schiefer, und wie einem Kegel, ob er Basalt oder Phonolith oder Trachyt ist? Dasselbe gilt von ganzen Gebirgen, wenn auch in den meisten Gruppen ein besonderer Grundzug sich entdecken läfst. Nur innerhalb des­selben Gebirges oder auch gleichalteriger Gebirge kann diese Charak­terisierung unter Umständen mit Erfolg angewandt werden. Es kommen eben aufser der Gesteinsart noch andere Faktoren mit in Rechnung, vor allem Alter der Aufrichtung, Lagerung und Absonderung, welch letztere häufig von der vorhergehenden abhängt. Will man aber alles das berücksichtigen, dann werden die Regeln unhandlich kompliziert und trotzdem nicht allgemeingültig.

Ein Gesichtspunkt jedoch, der bisher, wenn auch nicht in geo­logischen Abhandlungen, aber in allen orometrischen Untersuchungen unberücksichtigt blieb, ist die Richtung der Reihenfolge, der Gruppierung, kurz, des Zusammenhangs der Gipfel als Kämme. Und doch ist es diese Gruppierung, welche die Richtung der gebirgs- bildenden und gebirgsabtragenden Thätigkeit darstellt und somit die Physiognomie des Gebirges in erster Linie bestimmt, so dafs weiter unten noch näher darauf eingegangen werden soll.

IV. Kainmlinie.

Auch über den Wert der Feststellung der Kammlinie nach Länge und mittlerer Höhe kann man geteilter Meinung sein, besonders wenn man bedenkt, dafs bei verschiedenen Autoren ganz verschiedene Grund­sätze über Berücksichtigung und Vernachlässigung von Kammlinien gelten, wenn es sich darum handelt, nicht nur den Hauptkamm, sondern die gesamten Kammlinien eines Gebirges einer Untersuchung zu unterziehen.

Will man die mittlere Kammhöhe eines Gebirges erfahren, so ist es unnatürlich, aufser dem Hauptkamme auch die Nebenkämme und zwar, wie es von Neumann geschehen ist, bis in die feinsten Ver-