Druckschrift 
Beiträge zur Geographie des mittleren Deutschland / hrsg. im Auftrag des Vereins für Erdkunde und der Carl Ritter-Stiftung von Friedrich Ratzel
Entstehung
Seite
241
Einzelbild herunterladen
 

B. Die Erzeugung des Parallelismus u. die Formen der parallelen Gliederung. 241

eigenen Verlaufe parallele Richtung hineingezwungen haben. Die Erosion gesellt sich zu allen hier erwähnten Faktoren, aber sie tritt nur dort als eine die parallele Gliederung erzeugende Kraft auf, wo sie gewisse Vorbedingungen in gestörten und aus verschieden harten Gesteinen bestehenden Schichten vorfindet. Ihr Parallelismus kom­biniert sich meist mit dem der Faltungs- und der Bruchgebirge. Dort kann sie den Parallelismus nach der einmal gegebenen Richtung weiter entwickeln. In allen andern Fällen dient die Erosion mehr zur Verwischung der parallelen Gliederung.

Aus den oben erwähnten Beispielen, deren Zahl man noch nach Belieben vergröfsern könnte, kann man ersehen, dafs alle den Paral­lelismus erzeugenden Kräfte miteinander in alle möglichen Wechsel­beziehungen treten können. Dabei beeinflufst meist die Richtung der tektonischen Gebirge, wo diese in die Kombination eintreten, die Richtungen der anderen Gebirge, und so entstehen Gebiete, in denen häufig eine und dieselbe Richtung in Erhebungen verschiedenen Ur­sprungs sich wiederholt. Solche Gebiete bilden orographisch ein Ganzes. Man spricht z. B. von den Gebieten des hercynischen oder des niederländischen Streichens, und man bezieht diese Bezeichnungen nicht nur auf tektonische Gebirge mit einer bestimmten Richtung, sondern auch auf andere Erhebungen, sogar auf die Richtung der Flüsse und der Küstenlinie. Wenn also die alte Einteilung von Leop. v. Buch sich in der Wissenschaft eingebürgert hat, obgleich ihr der geologische Untergrund entzogen ist, so verdankt sie das der That- sache, dafs sie die vier in Deutschland am häufigsten sich wieder­holenden Richtungen richtig berücksichtigt. Der Parallelismus der Richtungen ist hier mithin bestimmend für die Absonderung oro- graphischer Systeme.

II. Die Formen des Parallelismus.

So wie die parallele Gliederung eines Gebirges verschieden in Bezug auf die erzeugenden Kräfte ist, so bietet sie auch eine grofse Mannigfaltigkeit in ihrer äufseren Erscheinung dar. Zwei Thatsachen nur sind allen parallel gegliederten Gebirgen eigen. 1. Sie sind geöffnet, d. h. die Sohlen je zwei entgegengesetzt fallender Längs- thäler sind miteinander verwachsen und gehen unmerklich in einander über und 2. sie sind durchgängig, d. h. die Längsthäler sind durch die zwischen den Einzelkämmen sich befindenden Querthäler zu einem Netz verbunden. Was aber die Verteilung der Einzelkämme inner-

Wissenschaftl. Veröil'entl. d. V. f. Erdk. z. Lpzg. IV. 16