I. EINLEITUNG.
Landschaftliches Charakterbild.
Mitten im Waldesgrün und Felsengewirr des böhmisch-bayrischen Grenzgebirges liegt eine Anzahl dunkler Seen, zum Teil so klein, dafs die Wissenschaft sie nur mit dem Namen „Gebirgsweiher" benennen möchte, und doch bedeutend in ihrer Wirkung durch die grofsartige Erscheinung ihrer Umgebung. Tiefeingesenkt in die Flanken der höchsten Gipfel — gleichsam in einer lehnstuhlartigen Nische — werden sie überragt von einer hohen „Seewand", abgesperrt durch riesige Blockanhäufungen und rings umrahmt von hochstämmigem Nadelwald. Ihre Naturschönheit, ihre tiefe Einsamkeit hat schon manchen Reisenden erfreut, selbst einen Dichter zu klassischer Schilderung begeistert. „Ein gespanntes Tuch ohne eine einzige Falte" — sagt Ad. Stifter 1 vom Plöckensteinsee — „Hegt er weich im harten Geklippe, gesäumt von einem dichten Fichtenbande, dunkel und ernst, daraus manch einzelner Urstamm den ästelosen Schaft emporstreckt, wie eine altertümliche Säule. Gegenüber diesem Waldbaud steigt ein Felsentheater lotrecht auf, wie eine graue Mauer, nach jeder Richtung denselben Ernst der Farbe breitend, nur geschnitten durch zarte Streifen grünen Mooses und sparsam bewachsen mit Schwarzföhren, die aber. von solcher Höhe so klein aussehen, wie Rosmarinkräutlein .... Da in diesem Becken buchstäblich nie ein Wind weht, so ruht das Wasser unbeweglich, und der Wald und die grauen Felsen und der Himmel schauen aus seiner Tiefe heraus wie aus einem Ungeheuern schwarzen Glasspiegel. Über ihm steht ein Fleckchen der tiefen, eintönigen Himmelsbläue. Man kann hier tagelang weilen und
1 Ad. Stifter, Studien. Bd. II. 1841. Der Hochwald.
Wissenschaft!. Veröffontl. i. V. f. Erdk. z. Lpzg. IV. 1