Neuntes Kapitel. Der Rationalismus in Bremen.
Wie Ulrich von Hütten einst gejubelt: V Jahrhundert, es ist eine Lust, in dir zu leben, die Geister sind erwacht, — das ist die Stimmung, die auch die Aufklärer und Rationalisten beseelte. Wenn man eine Iubelpredigt von Stolz an Martini oder Nicolai am Dome bei der Jahrhundertwende liest, immer wird man diese Töne angeschlagen finden: das Jahrhundert der Aufklärung, in dem wir's herrlich weit gebracht; das Zeitalter der Vernunft und des Fortschritts und einer neuen besseren Moral. Man hat das beseligende Gefühl, den schweren geistigen Druck der vergangenen Jahrhunderte los zu sein. Glaube und Vernunft stehen nicht mehr im Widersprüche, sondern die ewigen unvergänglichen Wahrheiten der Religion sind mit den Forderungen der Vernunft in schönstem Einklänge. Alle diese Männer leben des Glaubens, daß sie nur die Wiederentdecker einer Gottesverehrung sind, die auch Jesus Thristus der Welt habe bringen wollen. Alle dogmatischen Ausdrücke, wie Gottessohn, Erlöser, Heiland werden arglos umgedeutet, ohne daß sich die Rationalisten bewußt waren, ein geschichtliches Unrecht zu begehen. Die Bekenntnisse werden überall zurückgestellt, die alten Agenden und Gesangbücher dem Geiste des Zeitalters gemäß umgestaltet, die Verpflichtungen auf die Bekenntnisse abgeschafft oder so weitherzig gefaßt, daß sie niemand mehr banden. Die Religion wird verweltlicht. Die predigten schließen sich zwar noch an biblische Texte an, aber die Texte werden ganz willkürlich behandelt. Die Ideale der Aufklärungszeit werden aus jedem Texte auf das gewaltsamste herausgeholt; alles wird auf die Aanzel gebracht, was im Sinne der Aufklärung geschehen ist und erstrebt wird.
Das Moralische steht obenan, aber das ist noch nicht die ernste und tiefe Moral eines Aant oder Fichte. Den gemeinen Nutzen wollen diese Männer überall befördern; gemeinnützige Bestrebungen werden in den Vordergrund gestellt. Das Armenwesen wird verbessert, in die Arankenanstalten, Irrenhäuser, Gefängnisse dringt ein milderer Geist, die Schulen werden reformiert. Eine weiche, gerührte Stimmung bemächtigt sich der Gemüter. Mit Vorbedacht legen die Geistlichen die besondere geistliche Haltung ab und huldigen einem freien und frohen Lebensgenusse. Im Hanseatischen Magazin, das Smidt herausgab, lesen wir Bd. S. 2H6: „Die Geistlichkeit in Bremen ist nicht, wie an so vielen Drten, ein Gegenstand des Tadels und des Widerwillens. Freimütige, helldenkende, humane Männer