SeltsitMft -es >1S. - LetzvervunSes, Kreis Dvemen
Nr. 19
Bremen, 24. Oktober
1934
^Gevmanlfwe Selttgtttmev".
Das Schicksal hat mich nach Detmold geführt, nachdem ich der französischen Besatzung am Rhein weichen mußte, — in das Stammland der alten Cherusker, wohin allerlei Fäden der Familie mich zogen, aber auch eine innere Empfindung nach den Stätten, wo unserer Alten Fuß gewandelt ist.
Zwischen Detmold und Paderborn liegt der Teil des Teutoburger Waldes, den wir Osning-Mark nennen wollen. In dieser Mark (etwa von der Größe von einundeinhalb Quadratmeilen) liegen die Exsternsteine, die jetzt ganz besonders in dem Munde vieler gewesen sind, weil sie eines -der prächtigsten, gewaltigsten Denkmäler aus der Urväterzeit darstellen. Dort ist auch die Grotenburg mit dem Hermannsdenkmal, welches einst Bändel auf die richtige Stelle gesetzt hat.
Denn die vielen Hypothesen über die Oertlichkeit der Varusschlacht reichen alle nicht entfernt an die alte Ueberlieferung, gegen die auch nicht der Schatten eines Gegenbeweises auszubringen ist. Ueber all den Hypothesen schwebt die Hauptsache, nämlich die Teutoburg, die Grotenburg auf dem Teutberge, die auch Schuchardt als Teutburg nachgewiesen hat, wo jetzt noch in 250 Meter Länge die Trümmer der gewaltigen Mauer zu sehen sind. Der Name geht zurück bis in das 14. Jahrhundert, wo die Anlieger die Männer „to dem Toyte" waren. Und auch jetzt noch sagen die alten Bewohner von dem „Teute, wo der Hang ist". Und „Teutoburgiensis saltus", das ist noch das einzige Feste, was uns Tacitus und die Geschichte über die Oertlichkeit der Schlacht bringt. Der „Teutoburgiensis saltus", das ist der an der Teutoburg gelegene Wald. Der Name ist -dann später auf den ganzen 100 Kilometer langen Bergzug ausgedehnt worden.
Im östlichen Teil der Osning-Mark sind also die Exsternsteine. Exsternstein ist einer der alten Namen, die zu bevorzugen ist vor allen möglichen anderen Entstellungen und schiefen Namen. Exsternstein, das heißt der Sternstein an der Egge; denn
sie liegen ja am Fuß der großen und kleinen Egge, unmittelbar am Fuße! Aber es ist merkwürdig: dieser Name ist beiseite geschoben, als wenn er nicht da wäre, wie denn überhaupt über die Geschichte der Exsternsteine bereits in der ältesten Zeit ein Schleier gezogen ist, als ob man nicht gewollt hätte, daß man das wüßte, was da vorgegangen ist. Die Schriften aus den dunklen Jahrhunderten der Bekehrungszeit werden ja von uns überhaupt mit ganz besonderer Vorsicht zu lesen sein; denn die Schriftsteller waren sämtlich von Karl, dem Westfrankenkönig, abhängig und nachher von der Kirche, die nichts anderes dulden wollte, als das, was zu ihrem Ruhm diente. Es scheint, daß man doch viel zu gutgläubig -das hingenommen hat, was in der Mönchsliteratur uns überliefert ist. Ein gewisses Mißtrauen ist in dieser Beziehung notwendig.
Aber mein Mißtrauen und Zweifeln, das mich an die Untersuchung vor acht Jahren etwa — länger kann ich meine Untersuchungen und Beobachtungen nicht rechnen — heranführte, hatte noch einen anderen Grund. Dieser Grund liegt in der neueren Vererbungslehre, vor allen Dingen in dem Gesetze von der Stetigkeit nicht nur des körperlichen, sondern auch des geistigen Erbguts.
Wie konnte das und wie kann das richtig sein, was man von der Minderwertigkeit germanischen Geistes und germanischer Kultur gesagt hat, wenn wir wissen, daß bereits die Enkel, ja, schon die Söhne und die nächsten Nachkommen der germanischen Väter des 8. Jahrhunderts, also die im 9., 10. und 11. Jahrhundert lebenden Germanen, die geistigen Führer Europas durchs ganze Mittelalter hindurch geworden sind? Die Väter dieser Gelehrten können nicht stumpfsinnige Leute ohne Geistesleben gewesen sein. Auch die Neigung, die Lust dazu gehört zum Erbteil, und so müssen wir denn das, was da gesagt worden ist und was zum Teil bis in unsere Tage noch geglaubt wird, mit dem größten Mißtrauen ansehen.
289