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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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Judenhäusern" in der Keplerstraße und in der General-Ludendorff-Straße (heute: Bürgermeister-Smidt-Straße) und den trostlosen Abzug der ver­härmten Bewohner beobachteten 33 . Es waren wohl nur die halbwegs Infor­mierten, die nun wußten, was vorging. Bremer, die in der Nachbarschaft vonJudenhäusern" wohnten, wurden über den Umfang der Aktion ge­täuscht, weil die Gestapo dafür sorgte, daß sich immer nur kleine Trupps zum Hauptbahnhof begaben. Außerdem hatten die zahllosen Verordnungen der letzten zwei Jahre die Juden zunehmend aus dem Straßenbild und damit aus dem Bewußtsein ihrer Mitbürger verschwinden lassen.So blieb diese grausige Aktion durchweg unbemerkt bei der übrigen Bevölkerung." 34

Wie sich die bevorstehende Abreise auf die Juden selbst auswirkte, geht, auf Bremen übertragbar, aus Schilderungen über die Deportation der Bre­merhavener früher Wesermünder Juden hervor 35 . Mit der Aufforde­rung, sich zu angegebener Zeit am Bahnhof einzufinden, wurden sie zugleich angewiesen,Elektrizität und Gas abzuschalten und die Wohnungsschlüssel beim Hausmeister zu hinterlegen. Alles sollte seine Ordnung haben." Am Vorabend standen die Koffer gepackt im Flur, in Gesprächen stellte sich heraus, daß keiner ahnte, wohin die Fahrt gehen, wie lange sie dauern sollte. Man dachte an Arbeitseinsatz in irgendwelchen Arbeitslagern. Auf entsprechende Ausrüstung war man hingewiesen worden.Einige Frauen waren noch schnell zum Frisör gelaufen, weil man ja nicht wußte, wann man das nächste Mal dazu kommen würde." Man lud noch einmal Freunde ein, tischte das Beste auf, was man hatte. Am nächsten Morgen war die SA am Bahnhof aufmarschiert und kontrollierte die Abfertigung.Arischen" Bür­gern war es verwehrt, Juden zum Zug zu begleiten oder ihnen beim Ge­päcktransport behilflich zu sein.

2. Zur Deportation und zu den Deportierten

Aufschlußreich ist folgende Stellungnahme der mit der Durchführung der Deportation beauftragten Stelle:Am 18. 11, 1941 sind von der Staatspolizei­stelle Bremen 570 Juden nach Minsk abgeschoben worden. Davon stammen 440 aus Bremen und 130 aus dem Regierungsbezirk Stade. Eine Ubersicht über die Alters- und Berufsgruppen der abgeschobenen Juden füge ich zur Orientierung bei. Gegenwärtig sind in Bremen noch 254 Juden wohnhaft, davon leben 11 in einfacher und 88 in privilegierter Mischehe. Eine Abschie­bung dieser Juden war nicht möglich, da sie nicht unter die Voraussetzungen der vom Reichssicherheitshauptamt für die Durchführung der Evakuierung ergangenen Erlasse fallen, nach denen die Abschiebung von Juden, die in

33 Nach Markreich, S. 281 ff., waren das eine jüdische Dolmetscherin, die von der Gestapo noch gebraucht wurde, und die ehemalige Prokuristin der jüdischen Firma Nathan & Co.

34 Ebd.

35 Solveig Freudenberger, Antisemitismus in der Stadt Bremerhaven während der nationalsozialistischen Herrschaft, Examensarbeit Göttingen 1967, S. 69 ff.

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