G. Dezimierung der jüdischen Bevölkerung
Hatte auch die Emigration im Laufe der Jahre die jüdische Gemeinde arg schrumpfen lassen, so beruhte sie doch selbst zu Zeiten starker staatlicher Förderung letztlich auf freier Entscheidung der Auswanderungswilligen. An ihrem Ende stand zumeist das überleben. Doch gab es noch vor der späteren Richtungsänderung in der „Judenpolitik" Maßnahmen, die eine Dezimierung der jüdischen Bevölkerung einleiteten und den Betroffenen nicht im geringsten die Chance einer Entscheidung ließen. Ihr Ziel war — 1938 noch ganz konkret — Rückführung nach Polen, in den Osten also, und am Ende dieses Willküraktes stand in den meisten Fällen der Tod.
„Abschiebung" nach Osten nannte man auch, was geraume Zeit später das endgültige Ende des geschwächten jüdischen Lebens in Bremen besiegelte. Das Ziel war — 1941/42 viel weniger konkret — Arbeitseinsatz und Lebensabend im Osten, und am Ende beider Verwaltungsakte stand ebenfalls in den meisten Fällen der Tod.
I. Die „Abschiebung" der Polen 1938
1. Die Polen zwischen den Fronten
Mit der „Verordnung über Reisepässe von Juden" vom 5. Oktober 1938 waren die deutschen Reisepässe von Juden ungültig geworden; die mit Geltung für das Ausland ausgestellten sollten wieder gültig sein, wenn sie mit einem bestimmten Merkmal („J") versehen waren, das den Inhaber als Juden kennzeichnete 1 . Am 6. Oktober hatte die polnische Regierung auf dieses indirekte Hinausschieben ausländischer Juden mit einer Anweisung reagiert, „nach der alle Pässe der im Ausland lebenden polnischen Staatsangehörigen mit Wirkung vom 29. Oktober 1938 ab nicht mehr zum Grenzübertritt nach Polen berechtig[t]en, wenn diese Pässe nicht einen Prüfungsvermerk enthielten] " 2 . Dieser Prüfungsvermerk konnte versagt werden, wenn der betreffende Staatsangehörige fünf Jahre hindurch keine Verbindung mit Polen gehabt hatte und daher für eine Ausbürgerung in Frage kam 3 .
Polen konnte nicht sonderlich interessiert daran sein, Juden, die das Land z. T. kurz nach dem Ersten Weltkrieg verlassen hatten, wieder zurückzubekommen. Seit der Jahrhundertwende hatten sich die Probleme mit dieser
1 RGBl I S. 1342. Vgl. zum folgenden Regina Bruss, Die Ausweisung der polnischen Juden aus Bremen am 27728. Oktober 1938, in: Deutsch-Polnisches Jb. 1979/1980, S. 171 ff.
2 Schnellbrief des Reichsführers-SS und Chefs der Deutschen Polizei vom 26. 10. 1938 (Qu. 43).
3 Sauer, S. 251.
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