Mit diesem Ehepaar waren zwei Menschen umgebracht worden, die beliebt und hoch geachtet waren. Als Arzt war Dr. Goldberg immer für seine Patienten dagewesen, hatte ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden und sie in Notlagen kostenlos behandelt. Das mußten später auch die an der Tat Beteiligten zugeben, zumal Verwandte von ihnen unter den Patienten des Dr. Goldberg gewesen waren." 27 Im übrigen waren schon zwei Tage vor dem Mord nachmittags zwei Männer bei Goldberg erschienen und hatten mit dem Ziel einer Vermögensbestandsaufnahme alle Wertgegenstände mit einer Schreibmaschine erfaßt und sich die Geldbörse und die goldene Uhr Dr. Goldbergs angesehen 28 . Dieser soll über die Kontrolle und über das schroffe Auftreten der Männer empört gewesen sein. Aber es war ein ohnmächtiger Protest.
Nach der Mordtat verpflichteten sich die Täter gegenseitig zu strengstem Stillschweigen und zogen ab. Die Leichen ließ man in diesem Falle nicht verschwinden, sie blieben zurück. Sie wurden gegen Abend auf Anordnung der Verwaltung zum Lesumer Friedhof gefahren. Während der Beerdigungsschein die durch das Amtsgericht am 15. November 1938 bestätigte Todesursache „Schußverletzung" nennt, soll ein „Sturmarzt" zunächst „Lungenentzündung" angegeben haben.
Den wenigen Juden in den Ortsteilen der nördlichen Bremer Umgebung war man schnell auf die Spur gekommen, sie hatten, bekannt wie sie waren, in dieser Nacht keine Chance zur Flucht in die Anonymität gehabt.
3. Tod in der Neustadt
In Bremen sah das schon anders aus. Die Juden lebten verstreut über das ganze Stadtgebiet — schon deswegen und wegen ihrer größeren Zahl konnte man nicht aller habhaft werden, geschweige denn alle mit der Absicht der Vernichtung aufsuchen. Die Frage, warum ausgerechnet in der Neustadt zwei Opfer zu beklagen waren, ist relativ schnell geklärt: Auch hier saßen im zuständigen Sturmbann Menschen, die skrupellos und eilfertig Befehle in ihrem Sinne interpretierten, sie bedenkenlos weitergaben und auf ihre bedingungslose Ausführung drängten 29 .
Am Abend des 9. November hatten auch die Angehörigen dieses sogenannten Johann-Gossel-Sturms (Sturmbann 111/75) ihre alljährliche Gedenkfeier abgehalten, ohne daß angeblich ein Wort von einer Vergeltungsaktion an Juden laut geworden wäre. So waren die Teilnehmer sang- und klanglos nach Hause gegangen und hatten sich zur Ruhe begeben, wie auch die zwei dem Sturm angehörigen Brüder, damals 29 und 34 Jahre alt, die schon von Berufs wegen früh ins Bett und sehr früh wieder aufstehen mußten: Sie waren beide Bäckermeister. Daß dies bei der Wahl ihrer Personen für den
27 Bruss, S. 6. Der Haupttäter leugnete bei seiner Festnahme die Morde und legte kein Geständnis ab. Er stellte sich unwissend.
28 Aussage eines Mitbewohners (Qu. 102).
29 Qu. 37 [3] und 100.
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