das Gebäude in Flammen aufgehen 8 . Die kleine Betstube der Ostjuden am Sebaldsbrücker Bahnhof wurde von der SA nicht vergessen: „[Sie] ist aufgebrochen und die Einrichtungsgegenstände sind zertrümmert worden." 9
Auch die anderen jüdischen Einrichtungen mußten daran glauben. So wurde das neben der Synagoge liegende Gemeindehaus, das Rosenak- Haus, verwüstet und ausgeräumt. Wertvolle Kultgegenstände, der Silberschatz der Gemeinde und altes Schriftgut fielen in die Hände der SA-Leute 10 .
Das Altersheim blieb nicht verschont. Seine Gebäude wurden schwer beschädigt. In der Nähe wohnende SA-Leute hatten sich dort zusammengetan und unter Führung eines 43jährigen Bahnbeamten mit vereinten Kräften Fensterscheiben und Spiegel eingeschlagen, Türen eingetreten, Möbel zerschlagen und Geräte gestohlen. Obendrein hatten sie in der kalten Nacht unter wüsten Beschimpfungen die alten Menschen auf die Straße getrieben, sie gedemütigt, getreten oder auf andere Weise mißhandelt. Ganze Arbeit geleistet zu haben — das war ihr eigener Eindruck gewesen 11 .
II. Eine „Judenjagd" und ihre Folgen
1. Ein Netz aus Beiehlen
Mit dem Befehl, „sämtliche Juden zu entwaffnen, bei Widerstand über den Haufen zu schießen", geradeso als ob generell alle Juden bewaffnet umherliefen, war den Rachegelüsten der immer wieder auf Judenfeindschaft eingeschworenen SA- und NSDAP-Angehörigen eine leichte Befriedigung angeboten. Wie sollte man aber möglichst schnell, das heißt noch mitten in der Nacht, an die Juden herankommen, die in einer Zahl von etwa
8 Die Bremen betreffenden Angaben bei Adolf Diamant, Zerstörte Synagogen vom November 1938, Frankfurt 1978, S. XIII—XVII, sind unzuverlässig und unvollständig.
9 Qu. 79. über die Ostjuden und ihre Betstube vgl. S. 223.
10 Erst am 15. 4. 1939 gelangte ein nicht zur Veröffentlichung bestimmtes Schreiben des RMdl an die Verwaltungen und Polizeidienststellen der Länder, das an die für die Tradition der jüdischen Gemeinden so wichtigen schriftlichen Unterlagen erinnerte: „Anläßlich der Judenaktion im November 1938 wurde umfangreiches jüdisches Archiv- und Schriftgut aller Art in Synagogen, jüdischen Kultusgemeinden und in anderen jüdischen Stellen erfaßt. Das Material befindet sich zum großen Teil bei den Dienststellen der Geheimen Staatspolizei, zum Teil befindet es sich jedoch auch noch bei anderen Behörden und Dienststellen. Zur einheitlichen Sichtung und Auswertung ist es erforderlich, das erfaßte Material zunächst bei der Geheimen Staatspolizei zu sammeln. Ich ordne daher an, daß alles aus Anlaß der Judenaktionen erfaßte jüdische Archiv- und Schriftgut unverzüglich ohne jede Veränderung und vollständig an die zuständige Staatspolizei-Leitstelle oder Staatspolizeistelle abzugeben ist." (Qu. 87). — Uber den Silberschatz vgl. S. 174.
11 Qu. 37 [2]. Gegen den Haupttäter wurde am 26. 3. 1946 der erste Bremer Prozeß wegen der Vorgänge in der „Kristallnacht" eröffnet.
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