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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
Entstehung
Seite
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Der Wortlaut der entscheidenden Telefonate zwischen dem Sturmhaupt­führer und Bürgermeister von Lesum K. 20 und dem Truppführer S. der Standarte 411 in Wesermünde (heute: Bremerhaven) sowie zwischen dem Sturmbannführer R. in Lesum und dem Sturmführer G. der Gruppe Nordsee in Bremen zeigt beispielhaft, wegen welch verbaler Verdrehungen jüdische Menschen ihr Leben lassen mußten.

K. wurde gegen 3.30 Uhr geweckt. Es entwickelte sich folgendes Gespräch: Hier Standarte 411. Am Telefon Truppführer S. Haben Sie schon Befehl?" K.:Nein." S.:Großalarm der SA in ganz Deutschland. Vergeltungsmaß­nahmen für den Tod von vom Rath. Wenn der Abend kommt, darf es keine Juden mehr in Deutschland geben. Auch die Judengeschäfte sind zu ver­nichten. Sturmbannführer R. ist zu benachrichtigen." K. wiederholte den Befehl und fragte überrascht:Was soll denn tatsächlich mit den Juden geschehen?" S.:Vernichten!" Auf die weitere Frage von K., ob R. noch eine Bestätigung einholen solle, antwortete S.:Nein, handeln!" K. begab sich zu dem Haus von R. und informierte ihn. Die Tragweite des Befehls bewog beide, sich diesen doch bestätigen zu lassen. R. rief die Gruppe an, wo sich in Abwesenheit des Stabsführers der Sturmführer vom Dienst G. meldete. R.:Ich habe hier so einen verrückten Befehl, hat das mit dem seine Richtigkeit?" G.:Jawohl, in Bremen ist schon die Nacht der langen Messer im Gange. Die Synagoge brennt bereits!" R.:Ist das amtlich?" G.:Das ist amtlich." K., der R. gegenübersaß, wollte Klarheit und fragte unter Anspielung auf die Worte S.s:Was heißt vernichten?" R. wieder­holte:In Bremen ist bereits die Nacht der langen Messer im Gange. Ja, es ist so, wir müssen handeln." R. und K. faßten also G.s Antwort als eine Bestätigung des Befehls der Standarte auf 21 .

2. Tod in Platjenwerbe und Burgdamm

Aufgrund dieses Befehls verteilten die Führer der Untergruppen der Stan­darte 411 in Lesum die Aufgaben unter sich. Sie informierten zunächst die entsprechenden SA-Führer, teilten die Trupps ein, die sich sodann mit dem Auftrag:Die Juden in Deutschland sollen vernichtet werden. Wir haben

20 K., geboren 1906, Mitglied der NSDAP seit 1933, von 1934 bis 1939 Bgm. der preuß. Gemeinde Lesum (die am 1. 11. 1939 in die Stadt Bremen eingegliedert wurde und heute einen Ortsteil des Stadtbezirks Bremen-Nord bildet), seit Juli 1940 Adjutant des Reg. Bgm., zuletzt Obersturmbannführer der SA und Vertreter des Sen. für das Bauwesen, gab später zu, Anstifter der Verbrechen im Kreis Osterholz gewesen zu sein.

21 Protokoll der Verhandlung des Obersten Parteigerichts vom 10. 1. 1939 (Qu. 122). In der späteren Anklage gegen die Akteure derKristallnacht" heißt es: Truppführer S.veranlaßte durch die Weitergabe eines von ihm verfälschten Befehls seines Standartenführers [an K. und R.], ihrerseits als verantwortliche SA-Führer durch Erteilung entsprechender Befehle die Durchführung der Mord­tat anzuordnen" (Qu. 37 [2]).

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