Druckschrift 
Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
Entstehung
Seite
156
Einzelbild herunterladen
 

daßdie endgültige Zahl noch niedriger liegen [werde]", mußte der Leiter des Ernährungsamtes mit erfolgter Evakuierung feststellen, daß trotz der allgemein angespannten Lebensmittellage erstens ausgerechnet Juden in gewisser Weise doppelt versorgt worden waren, zweitens nicht die Zahl evakuiert worden war, für die Lebensmittel zur Verfügung standen. Anhand der im Vorgriff verwendeten Lebensmittelmarken konnte der Verantwort­liche nun haargenau, d. h. in diesem Fall bis auf drei Pfund Quark genau, die Lebensmittelmengen erfassen, die seiner Meinung nach aufgrund der unklaren Gestapo-Anordnungen zu viel bezogen worden waren 128 , und berichten:Meinem Beauftragten ist es gelungen, einige geringe Mengen noch nachträglich zu beschlagnahmen." 127 Doch blieb sein Vorwurf gegen die Gestapo bestehen, daßganz erhebliche Mengen von Lebensmitteln ver­loren gegangen [seien]". Er versicherte, daß er den Juden keinenReise­proviant" zur Verfügung gestellt hätte, wenn er von diesen Machenschaften gewußt hätte. Wiederum hielt er den Vorschlag der Gestapo, diese Mengen von den Rationen der in Bremen gebliebenen Juden abzusetzen,in An­betracht der großen Mengen [. ..] kaum [für] durchführbar". Wie diese Ablehnung des Gestapo-Vorschlages zu interpretieren ist, ist nicht ganz klar; zumindest blieb den letzten Bremer Juden eine große Härte erspart. Die Händler aber, die den Juden noch die Ware verkauft hatten, sollten nichts Gutes verheißend auf einer Liste für die Gestapo erfaßt werden.

2. Bekleidung

Zu den menschlichen Bedürfnissen gehört die Kleidung, zunächst einmal die, die den Körper vor den Einflüssen der Witterung schützen soll. Auf dieses Minimum und darunter gedachte man offensichtlich die Juden im Laufe der Zeit zu setzen. Nachdem sie durch Berufsverbote, Arisierung ihrer Betriebe, Entjudung ihres Haus- und Grundbesitzes und andere For­men der Beraubung bereits an den Rand des Existenzminimums gebracht waren, wurde der Krieg zum Anlaß, ihnen weitere Einschränkungen aufzu­erlegen. Seit Anfang 1940 erhielten Juden weder die sogenannte Reichs­kleiderkarte noch Bezugscheine für Spinnstoffwaren; ihre Versorgung mit Textilien sollte von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland vor­genommen werden 128 . Allerdings gestattete man ihnen den Erwerb ge-

Deportationsbefehle aus Berlin den Gemeindeverwaltungen abverlangten. Die Zahlen geben in etwa die Gesamtzahl der zu dieser Zeit in Bremen leben­den Juden wieder. Offensichtlich waren alle offiziell von diesem Transport noch Ausgenommenen mitgerechnet worden.

126 Das waren: 560 kg Brot, 43,215kg Butter, 80,587 kg Käse, 22,4 kg Nährmittel, 41,3 kg Zucker und 157,75 kg Fleisch, 38,527 kg Margarine, 5,75 kg Schweine- schlachtfett, 1,5 kg Quark.

127 Um diese Menge verringerte sich der Verlust für das Ernährungsamt: 8 kg Fleisch, 3,625 kg Butter, 1,75 kg Margarine, 1,5 kg Käse, 2 kg Zucker.

128 Erlaß des RWiM über die Versorgung von Juden mit Kleidern und Spinn­stoffen, veröffentlicht im Jüdischen Nachrichtenblatt, 6.2.1940 (Blau, S. 81).

156