Anders war es in solchen Städten wie Bremen, wo der relativ kleine jüdische Bevölkerungsanteil spätestens zu diesem Zeitpunkt im allgemeinen bekannt war, die Juden entweder in größerer Zahl in „Judenhäusern" wohnten oder so mitten unter aufmerksamen deutschblütigen Nachbarn, daß ein Verstecken, ein Tarnen kaum möglich war. Wer ertappt wurde, war verhaftet — so Ende 1941 die damals 56jährige Lina Rothschild, „weil sie nicht den Davidstern trug". Man konnte ihr weitere Vergehen nachweisen und sie dann nahezu rechtlos den Schikanen der Justiz überlassen 104 .
V. Die Verschlechterung der Versorgungslage
Während alle Einschränkungen der Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit, alle Kennzeichnungsvorschriften die menschliche Würde der Juden verletzten, traf man sie in ihren elementarsten Lebensbedürfnissen, als man nach sechs Jahren legalisierter Verdrängungspolitik auch vor einer drastischen und zunehmenden Reduzierung ihrer Versorgungsgüter nicht mehr zurückschreckte.
1. Ernährung
Eine heute kaum nachvollziehbare Bedeutung gewann die Frage der Ernährung mit Beginn des Krieges. Bereits einige Tage vor der Eröffnung der Kriegshandlungen wurde auch in Bremen für die gesamte Bevölkerung die Bezugscheinpflicht eingeführt, die eine Rationierung der Lebensmittel und eine Bewirtschaftung der Spinnstoffe mit sich brachte 105 . Dies war der Anfang einer langen Reihe von Maßnahmen, die im Grunde seit dem Sommer 1940 nur noch Kürzungen und Herabsetzungen der Lebensmittelrationen, speziell der Brot- und Fleischrationen, hießen.
Wie nicht anders zu erwarten, bot sich hier für die staatliche Judenpolitik, die es auf Sonderstellung und Isolierung abgesehen hatte, ein neues Betätigungsfeld. Wenn es auf diesem Sektor auch nicht zu weltbewegenden Maßnahmen kam, so gehörten doch die allmähliche Kürzung, der Verlust von Sonderzuteilungen, die Beschlagnahme von Paketsendungen zu den Benachteiligungen, denen die Juden hilflos ausgeliefert waren und die ihnen auch noch die kleinen Lichtblicke im tristen Alltag nahmen.
Die Abweichung von der Versorgung der übrigen Bevölkerung begann, als im Weihnachtsmonat 1939 vom Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft angeordnet wurde, „daß der Verkauf von Schokolade-Erzeugnis-
104 Lageber, der Gestapo vom 8. 1. 1942 (Qu. 63). Demnach wurden bei der Festnahme Lina Rothschilds", die lange als Straßenhändlerin ihr Geld verdient hatte, eine größere Summe Bargeld, Gold- und Brillantschmuck gefunden, die sie am Körper versteckt hatte.
105 Peters, S. 180.
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