Heinrich Bulthaupt:
Festrede am 21. März 1897.
(Voranging: Bachs Toccata und Fuge in D-moll, dann K. Wagners Kaisermarsch.)
Die Klänge sind verhallt, die gewaltigsten, die je zur Verherrlichung des Reichs und seines ersten Kronenträgers angestimmt worden sind. In dem riesigen Tonbild, das soeben an uns vorübergezogen, gestaltet sich, fast möchte ich sagen, vor unseren Augen, das Reich noch einmal. Die Fahnen flattern, die Böller dröhnen, in den Schritt der heimziehenden Bataillone mischt sich Orgelgebraus, Glockenton und der jauchzende Lobgesang des von nah und fern heran wallen den Volkes. Luthers mächtiges Reformationslied wird zum Reichslied. Wie ein Leitmotiv, wie das Leitwort des gekrönten Greises tönt es uns aus dem Schwall dieses Jubels wieder und wieder entgegen: die „gute Wehr und Waffen", die den Sieg errungen, das ist kein Menschenwerk, heifse es wie es wolle, das ist „unser Gott", von dem das Lutherlied singt. Und vor dem himmlischen Licht, das all dies Wallen und Wogen, dies Keimen und Drängen, dies neue Werden und Hoffen überflutet, senkt sich das Auge geblendet und demütig beugt sich das Haupt zur Erde. So ist es geschehen, so hat der alte Kaiser es im tiefsten Innern seines frommen ehrlichen Herzens empfunden, so hat der grofse Tonmeister es dargestellt. Sollen wir nun auch in Worten noch einmal wiederholen, was das Haupt des Verklärten für uns ersonnen, was seine kräftige Hand für uns getan ? Sollen wir das höchste Werk, für das das Schicksal ihn aufgespart, das Reich, aufs neue verherrlichen? Es läge nahe genug. Aber seit fast zwei Jahren widerhallt Deutschland von dem Echo der Siegesrufe von 1870 und 71