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Fr. Pietzer:
.Kleinkindertag.
Zum 28. Dezember 1861.
Der 28. Dezember bildet den Schlufs der schönen Weihnachtszeit, und da dieses Fest ein echtes deutsches Familienfest ist, so mufs es auch von unserer hier versammelten grofsen Familie, bei der ich Vaterstelle vertrete, begangen werden. Ich darf es aber nicht unterlassen, euch auf die Entstehung und Bedeutung des Tages hinzuweisen, damit ihr das rechte Verständnis und die rechte Freude habet. Das wird nicht leicht sein, denn ich rede zu einer sehr gemischten Versammlung ; es wäre ein Fehlgriff, wollte ich mich an den Grad von wissenschaftlicher Bildung, den man als den durchschnittlichen bei euch voraussetzen möchte, wenden. Denn abgesehen davon, dafs keiner von euch verpflichtet ist, Bildung zu besitzen und zu zeigen, und mancher sich ohne diese Gabe von zweifelhaftem Werte ganz anständig behilft, wäre es nach den Anstrengungen und Genüssen der letzten Tage unklug, irgend eine geistige Anstrengung von euch zu verlangen. Ich wende mich daher, weil es sich um den Kindertag handelt, nicht an eure Geister, sondern lediglich an eure einfältigen Gemüter und bin gewifs, die rechte Adresse gefunden zu haben.
Macht es euch aber nicht zu leicht, indem ihr denkt, der Kindertag sei das Vorbild jener noch jetzt gebräuchlichen Kindertage, die euch mit ihren Kalbsbraten und Schinken glänzend vor der Seele stehen, jener Abende also, an welchen sich alles, was die Familie an geistiger und körperlicher Schönheit und Bildung besitzt, um das Oberhaupt vereinigt. Der Begriff des Kindertages ist vielmehr noch tiefer zu fassen. Es ist der Tag der unschuldigen Kindlein und hat seinen