Jahrgang 
Band 77 (1998)
Seite
168
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Der Complimentarius

Geschichte einer Bremer Sehenswürdigkeit Von Hans Hermann Meyer

1. Eine lebensgroße, geharnischte Holzpuppe -

Biidnis einer bekannten Gestalt der bremischen Geschichte?

Der Gründer des Historischen Museums zu Bremen (heute Bremer Landes­museum für Kunst- und Kulturgeschichte - Focke-Museum -), Johann Focke, verzeichnete 1901 als Neuerwerbung unter der Inventar-Nummer F 440 eine »Ritterrüstung mit innerer Holzfigur« 1 . Er setzte hinzu:

»Stand früher im Treppenhause des Schüttings u. begrüßte den die Treppe hinaufgehenden Besucher durch Aufschlagen des Visiers u. mit der Hellebarde. (Vergl. Brem. Denkmale, II Band, Beschreibung des Schüttings). Die Rüstung gelangte ins Schmiedeamtshaus, wurde erstanden bei dessen Verkauf von Herrn F. Carstens, der sie seinem Vetter Wilh. Tilman Gromme in Paris weiter verkaufte. Nachdem letzterer im Aug. 1900 gestorben[,] ist sie auf Betreiben von Herrn Carstens durch die Testamentsexecutoren, zu denen insbesondere Herr G. W. Gromme - Bremen gehört, für das Histor. Museum in Bremen be­stimmt u. diesem geschenkt worden.« 2

Das Objekt hat seitdem in der Dauerausstellung des Museums, obwohl diese in unserem Jahrhundert mehrfach grundlegend umgestaltet wurde, stets einen besonderen Anziehungspunkt gebildet. Fockes Nachfolger Ernst Grohne be­zeichnete es, oder wenigstens den Riefelharnisch (»Maximiliansharnisch«, wie er sich noch ausdrückte 3 ), den die Figur trägt, als »das kostbarste Stück« der Waffensammlung des Hauses 4 .

1 Handschriftliche Karteikarte (Sachkarte) Fockes zum Sammlungsstück F 440 im Focke-Museum, Bremen.

2 Ebd. »Schütting« ist der Name des Versammlungshauses der Bremer Kaufmanns­gilde am Marktplatz der Stadt, dem Rathaus gegenüber. Nach dem Absterben der Gilde als solcher im 17. Jahrhundert bestand das sich selbst ergänzende Kollegium ihrer Vorsteher, der Elterleute, (Collegium Seniorum) weiter und vertrat nach eige­nem Anspruch nicht nur die Interessen des Handels, sondern die Bürgerschaft als Ganzes gegenüber dem Rat.

3 Für Harnische der Zeit zwischen 1500 und 1540, die außer einem klassischen Renaissance-Aufbau eine mit Riefeln nach den Gesetzen der Renaissance be­deckte Oberfläche aufweisen, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Ausdruck »Maximiliansharnisch« aufgekommen. Heute wird im Anschluß an Paul Post (1929) der Terminus »Riefelharnisch« bevorzugt. S. Georg von Kern, Die Stilentwicklung des Riefelharnisches, München (Diss. phil.) 1982, S. 28-29.

4 Ernst Grohne, Die Bergungsmaßnahmen und Kriegsverluste des Focke-Museums 1939-45 (46, 47) [vervielfältigtes Typoskript, 1955 Jan. 10, in der Altregistratur des Focke-Museums].

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