Der Wiederaufbau der bremischen Häfen nach dem Zweiten Weltkrieg aus technischer, hafenwirtschaftlicher und hafenpolitischer Sicht *
Von Karl Marten Barfuß
I. Einführung: Bremen als Seehafen, Abgrenzungen, Zäsuren
Hafenstädte haben im allgemeinen, bedingt durch die Natur eines Seehafens, ähnliche Strukturen, Triebkräfte und Interessen; im einzelnen aber zeichnen sie sich durch bemerkenswerte Vielfalt und höchst individuelle Merkmale aus, die in den Bedingungen ihres Hinterlandes, der Anbindung an das binnenländische Verkehrsnetz und ihrer ureigenen Entwicklungsdynamik begründet sind.
Der Hafen war und ist Bremens Lebensnerv. Die Lage an einem Ort, der Seeschiffen ein weites Eindringen ins Hinterland erlaubt (Bremen ist der südlichste deutsche Seehafen), erweist sich bis heute als entscheidender Standortvorteil der Stadt. Wichtige Faktoren, die vergleichbaren Ballungszentren zu wirtschaftlicher Bedeutung verhalfen, fehlen in Bremen: dichte Besiedlung des Hinterlandes, Behörden und Infrastruktur einer Hauptstadt, eigene Rohstoffvorkommen, Knotenpunkt im Binnenlandverkehr. Deshalb hätte sich Bremen ohne seinen Seehafen kaum über das Mittelmaß einer Provinzstadt emporheben können.
Der Seehafen förderte in Bremen über die Jahrhunderte den Aufbau von Märkten für bestimmte Importgüter (beispielsweise Baumwolle, Kaffee, Holz) und einen regen Eigenhandel durch bedeutende Handelshäuser. Er ermöglichte Bremen auch den — wenn auch späten — Anschluß an die Industrialisierung durch Errichtung rohstoffverarbeitender und exportorientierter Industrien. 1 Und schließlich war es der Seehafen, der Bremen die politische Selbständigkeit als Stadtstaat im eigenen wie im gesamtstaatlichen Interesse sicherte.
War der Hafen anfänglich vor allem „Hilfsbetrieb für den eigenen Handel" 2 , so begann der Hafenumschlag mit Beginn der Industrialisierung die
* Erweiterte Fassung eines Vortrags, den der Verfasser anläßlich der von der Universität Hamburg veranstalteten Wissenschaftlichen Tagung „Hafenentwicklung im Nordseeraum" am 22. September 1988 in Hamburg gehalten hat.
1 Die Phase dynamischer Industriegründungen setzt in der Stadt Bremen erst 1888 mit dem Zollanschluß der Hansestadt ein. Zuvor hatten bremische Kaufleute vorzugsweise im preußischen und oldenburgischen Umland Bremens (Blumenthal, Hemelingen und Delmenhorst) bedeutende rohstoffverarbeitende Industrien mit enger Hafenbindung gegründet.
2 Bürgermeister Jules Eberhard Noltenius am 27.9.1957 in einem Vortrag vor der Gesellschaft zur Förderung des Verkehrs e.V. über „Häfen und Außenhandel"; in: Staatsarchiv Bremen (künftig: StAB) 4,35-3295.
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