Frühe mittelalterliche Neumen aus Bremen
Ein Bericht über erste musikalische Funde aus dieser Stadt Von Klaus Blum
I.
Zum leichteren Verständnis der ersten Funde bremischer (und darüber hinaus norddeutscher) Musiknotationen sei dem Bericht eine sehr einfache Einführung in die Lage der kirchlichen Musik im Frühmittelalter vorausgeschickt.
Als zur Zeit Karls des Großen die christliche Religion in ihrer römischkatholischen Fassung in seinem Reiche Staatsreligion wurde, zeigte sich, daß Mittel und Wege gefunden werden mußten, um auch die Singweisen der infolge neuer Kirchenfeste umfangreicher werdenden Liturgie über weite Flächen und Zeiträume hinweg transportieren und unverändert einheitlich bewahren zu können. Man begann daher damit, über den Textsilben Punkte, Striche und Schleifenfiguren zu notieren, welche die ungefähren Melodiebewegungen andeuten und dem Gedächtnis eine Erinnerungshilfe bieten sollten (linienlose Neumen). Um genauer sein zu können, wurden sie später unter, auf und über einer, dann mehreren Linie(n) geschrieben (linierte Neumen). Um 1020 entwickelte endlich ein Benediktinermönch Guido (gen. von Arezzo) (um 991 — nach 1033) an der Kathedralschule von Pomposa bei Fer- rara ein geschlossenes System der Notation: Vier in das Pergament eingeritzte Linien stehen für vier Töne im Terz-Abstand. Vor der Linie erscheint der Name jenes Tones (Tonbuchstabe), der durch diese Linie repräsentiert wird. Zu besserer Übersichtlichkeit färbte man die F-Linie rot, später zusätzlich die C-Linie gelb. In dieses Vierliniensystem wurden die alten Neumen eingetragen. Nun ließen sich die Töne der Melodien exakt aufzeichnen und absingen. Dieses Verfahren nennt man heute „frühguidonische Notation" (noch ohne gefärbte C-Linie). Es wurde von einer „Solmisation" genannten Lehre (disciplina) begleitet, die dem Benutzer ermöglichte, die Lage der Ganz- und Halbtonschritte im System zu ermitteln.
Nun war es auch möglich, mehrstimmige Musik zu notieren. Dazu müssen aber auch unterschiedliche Tondauern ausgedrückt werden können. Es bildete sich ein System heraus, in welchem ein Punkt (punctum) einen kurzen, ein Zeichen mit vertikalem Strich (virga) einen langen Ton bezeichnete. Dieses nach 1150 voll funktionsfähige System (Codex Calextinus in Santiago de Compostela) nennt man „modale Notation". Die sehr vielfältigen Neumen- formen wurden nun in zwei Richtungen vereinheitlich. Entweder setzte man sie in schwarze Quadrate mit dünnen senkrechten Strichen um (römische Quadratnotenschrift) oder in auf der Spitze stehende schwarze Rhomben mit dickeren senkrechten Stielen (deutsche Hufnagelschrift). Um 1325 (Philip de Vitry: „Ars nova") endlich wurden die relativen Tondauern zueinander
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