Untersuchungen zur gotischen Gestalt des Rathauses in Bremen
Von Rolf Gramatzki
Das alte Bremer Rathaus, erbaut 1405 bis 1410, ist in seinem wesentlichen Bestand bis auf den heutigen Tag erhalten, so daß wir uns eine relativ genaue Vorstellung von seinem ursprünglichen Aussehen machen können. Allerdings hat die Umgestaltung des gegen Ende des 16. Jahrhunderts teilweise vom Verfall bedrohten Baues durch Lüder von Bentheim, die sich von 1595 bis etwa 1620 hinzog, doch an entscheidenden Stellen Veränderungen verursacht. Während der Ratskeller und die darüber liegende Untere Halle davon kaum berührt wurden, blieben in der Oberen Halle nur die Grundmaße und die beiden Schmalseiten 1 im wesentlichen erhalten. Die Schauseite zum Markt behielt die Fenster in ihrer Verteilung und Größe, nicht aber in deren gotischem Maßwerkabschluß. Die dazwischen stehenden Figuren der Reichsrepräsentanten wurden nicht angetastet. Die Arkaden erhielten statt der eckigen gotischen toskanische Säulen, z. T. neue Gewölbe, und die Außenhaut der Arkaden wurde durch das Figurenprogramm des Umbaues völlig verändert. Dem Mittelrisalit fiel die Laube in der Mitte der Fassade zum Opfer, die ursprünglich von der Oberen Halle aus zu betreten war. Der Bau erhielt damals nicht nur sein heutiges Dach, sondern auch die Zinnen, die Dachsims wie Arkaden krönten, wie auch die beiden Ecktürmchen zum Markt hin verschwanden. Das Türmchen an der NO-Ecke war schon 1545 dem Anbau zum Opfer gefallen, während das an der NW-Ecke mit der Stützfigur des Meisters Johannes noch heute eine Vorstellung von der ursprünglichen Eckgestaltung des Bauwerkes gibt. Während also das Aussehen der drei repräsentativen Schauseiten des Gebäudes noch zu sehen oder doch rekonstruierbar ist, ist über seine vierte Seite nach Norden hin fast nichts bekannt. Schriftliche Quellen, bildliche Darstellungen und Reste des Baubefundes haben bisher kein einheitliches Bild ergeben. So ist es nicht verwunderlich, daß in der Literatur bisher unterschiedliche Auffassungen über dieses Problem vertreten wurden, die z. T. sogar einander ausschlössen, und deshalb auch erst 1980 zu einem ersten Rekonstruktionsversuch durch Karl Dillschneider 2 geführt haben.
1 Die Fenster der Ostseite erhielten 1856 durch Simon Loschen ihre ursprüngliche Form mit dem Maßwerk zurück.
2 Karl Dillschneider, Das ursprüngliche Aussehen der Nordfront des Bremer Rathauses, in: Brem. Jb., Bd. 58, 1980, S. 201 ff.
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