VI.
Zur bremischen Theatergeschichte
Fortsetzung (1792-1796)').
Von Hermann Tardel.
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I. Die Gründung des Schauspielhauses 1792.
Die Gründung der ersten stehenden Bühne im Jahre 1792 und die erste fortlaufende Spielzeit von 1792—96 lassen den Mann in den Vordergrund treten, der schon auf der Liebhaberbühne Knigges als Marinelli den begeisterten Beifall der gesellschaftlichen Kreise Bremens gefunden hatte, August Friedrich Wilhelm Großmann (Abb. 1). Er stand damals als Schauspieler, als Directeur einer anerkannten Wandertruppe und als dramatischer Schriftsteller noch auf der Höhe seiner Wirksamkeit und seines Ruhms, wenn sich auch schon Anzeichen des Abstiegs bemerkbar machten, Obwohl er durch die Notwendigkeiten seines Berufs gezwungen war, vor hohen und höchsten Persönlichkeiten zu scharwenzeln und Kratzfüße zu machen, blieb er im Grunde seines Herzens ein aufrechter, fester, überzeugungstreuer Mann. Er war. Freidenker, Freimaurer und wahrscheinlich Illuminat. Er hatte den Mut und die Tatkraft aufgebracht, zwei der revolutionären Jugenddramen Schillers erstmalig aufzuführen, den Fiesco in Bonn (1783) und Kabale und Liebe in Frankfurt a. M. (1784). Als bewußter Anhänger und gelehriger Nachahmer Lessing^s schuf er sein bekanntestes, oft aufgeführtes Werk, das Familiengemälde „Nicht mehr als sechs Schüsseln", das den Gegensatz zwischen dem ehrenfesten Bürgertum und dem verkommenen Adel scharf heraushebt und die Mätressenwirtschaft der deutschen Fürstenhöfe an den Pranger stellt. Der merkwürdige Titel erklärt sich so: der biedere Hofrat Reinhard will nur 6 Schüsseln zum Diner auftragen lassen, während seine
*) Fortsetzung der Abhandlungen im Brem. Jahrbuch Bd. 30 (1926) S. 263—310, Bd. 38 (1939) S. 75—157 und Bd. 39 (1940) S. 169—204, die Zeit von 1563—1791 umfassend. Vgl. einzelne Aufsätze, verzeichnet im Brem. Jahrb. Bd. 40 (1941) S. 115 Nr. 1916, 1918 und 1919.