Charakterbilder aus der deutschen Restaurations-
literatur.
Ludwig Uhlaud »nd das deutsche Lied.
Seit GerviuuS wendet die deutsche Literaturgcschichte ih^e Aufmerksamkeit auf eiucu früher zu sehr vernachlässigten Punkt, auf die locale Bedingtheit der Poesie. Sie bestrebt sich, auch in deu bedeutendsten poetischen Erscheinungen die Einflüsse pragmatisch aufzusuchen, welche die Abstammung nnd die heimathlichen Gewohnheiten des Dichters auf seiueu Charakter und auf seine literarische Richtung ausgeübt haben. Auch darin geht sie, wie es in solchen Fallen schwer zu vermeiden ist, zuweilen zu weit. Ein mächtiger Geist überwindet seine irdischen Voraussetzungen, oder verarbeitet sie wenigstens so in das Gewebe seines Geistes, daß sie für seine Charakteristik keine erhebliche Bedeutung haben. Bei Schiller nnd Hegel z. B. wird man ans der schwäbischen Abknust nicht viel herleiten können. Dagegen ist bei den Dichtern zweiten NangeS, deren Werth vorzugsweise darin besteht, daß sie den überlieferten Stoff in eine geschickte uud angemessene Form bringen, und ihn dadurch zu einem bleibenden Nativnalcigenthum idealisiren, die Abstammung sehr wesentlich in Rechnung zu bringen, namentlich in solchen Zeiten, wo es an einer größern Kraft fehlt, die schwächereu Geister gewaltsam nach einer allgemeinen Richtung hin fortzureißen und sie von ihren natürlichen Bedingungen zu lösen. In solchen Fällen hat der Localgeist eineu freiern Spielraum und anch eine größere Berechtigung, denn in ihm individnalistrt sich die Nation. So war es in der Zeit, in welcher Uhland der beliebteste Dichter Deutschlands wurde. Zwar war seine Richtung durch die allgemeine Richtung der Zeit bedingt, durch jenen Uebcrgang vom Alterthum zu dem deutschen Mittelalter, der in der romantischen Schule seiue hauptsächliche Vermittelung fand. Aber auch nur iu dieser allgemeinen Richtung ist Uhlaud mit jeuer Schule verwandt. Durch sie ermuthigt, erroberte sich der ParticnlariSmus der Stämme ein Bürgerrecht in der deutschen Literatur, und Uhland gewann als Typus der schwäbischen Gemüthlichkeit einen Rang in der Poesie, der sonst eigentlich nur dem freie» Schassen zukommt. Grcuzlwten. M, , 6