Ausgegeben am 27. Lebrncrr 1921
Ich träume nicht von alter Zeiten Glück: Ich breche durch und schaue nicht zurück.
Ulrich von Hütten
Offener Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Mr. Harding
Herr Präsident!
ist der Aufmerksamkeit des amerikanischen Volkes schwerlich ent- W^MAW gangen, das; der Friede von Versailles von dem Geiste Lincolns, 5^ der Krieg führte, nm einen gerechten und heilsamen Frieden zu schließen, sich weit entfernt hat. Als die Vereinigten Staaten in iWC^?^^ diesen Krieg eintraten, glaubten sie, für das Recht und für die Freiheit der Welt zu streiten. Aber als sich nun beim Friedensschluß die Sieger m Ankläger und zugleich in Richter verwandelten und über den Besiegten ein furchtbares Bluturteil aussvrachen, zog sich die amerikanische Volksvertretung von einem Vertrag zurück, der nicht den Charakter eines Vertrags, sondern eines Bannfluchs über ein ganzes großes Volk trägt. Indes kann das amerikanische Volk trotz seiner beneidenswert unabhängigen Lage in der Welt den verhängnisvollen Folgen des Friedens von Versailles auf keine Weise entgehen, wie sich immer deutlicher herausstellt. Denn da dieser Friedensschluß nicht auf Kooperation der verschiedenen Nationen der Welt, vielmehr auf die Ausbeutung einiger von ihnen durch wenige Nutznießer abgezweckt ist, so stört er das wirtschaftliche Gleichgewicht der Welt in einem Grade, der zwar im Jahre 1918/19 vor allem den Besiegten, im Jahre 1921 aber, wie die WeltwirtschastSkrisis ze,gt, doch mit starkem Unbehagen auch schon die ehemaligen Sieger trifft. Die Verletzung des höheren Rechts durch das Diktat von Versailles läßt sich durch d.e stumme Mißbilligung des amerikanischen Volkes in ihren schädlichen Folgen so wenig aufheben wie durch die Wehklage der ausgebeuteten Besiegten. Begangenes Unrecht von Grenzboten I 19S1