Die „konservative" Staatsidee
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Die „konservative" Staatsidee
von Fritz Aern I.
encnius hat in Heft 2/3 der „Grenzboten" (S. 67) die sechs Politischen Ideologien nebeneinander gestellt, die seiner Meinung nach gegenwärtig Europa beherrschen. Die Begriffe, nm die sich seine sechs Ideologien gruppieren, sind:
1. der Sinn für Macht schlechthin, „Realpolitik", d. h, das Streben nach möglichst viel irgendwie verwendbarer Potentieller Energie,
2. die Beurteilung aller politischen Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der Mehrung der Verbrauchs guter, d. h. Wirtschaftspolitik,
3. der Individualismus, der die Bindung an überindividuelle Einheiten möglichst einschränken will, d. h. der Liberalismus,
4. der Gedanke der abstrakt ausgleichenden Gerechtigkeit, notwendig verknüpft mit einer besonders starken Bindung des Individuums an überindividuelle Einheiten, d. h. der Kommunismus, der heute auftritt als Religion der Weltrevolution,
5. die Erlösung der Einzelscele und die dazu gehörige Gemeinde, d. h. die katholische Idee,
6. die Nation als Beziehungspunkt aller politischen Kräfte und Zwecke. Menenius will alle tatsächlichen Politischen Strömungen unserer Zeit als
.Kombinationen dieser sechs Grundideen auffassen.
Es fällt auf, daß von einer konservativen Staatsidee hier überhaupt nicht die Rede ist. Der Eindruck, daß es eine solche in der praktischen Politik kaum mehr gibt, ist heute weit verbreitet. Ein jüngerer Politiker hat aus dieser Auffassung heraus gelegentlich die Bezeichnung der „Deutschnativnalen Volkspartei" als „Liberalisierter Nativnalpartei" geprägt.
Eine genauere Untersuchung der in unserer Zeit lebenden Ideologien wird zu einem wesentlich anderen Ergebnis führen. Die Abplattung der politischen Ideale zu bloßen Schlagworten infolge der Demokratisierung unserer Zeit hat allerdings zur Folge, daß das nicht zum Massenfang geeignete konservative Staatsideal sich aus der Arena zurückgezogen hat, in welcher das Ringen der Parteiideale mehr einem Boxkampf als einer geistigen Auseinandersetzung ähnlich geworden ist. Wenn wir uns nicht täuschen, so bereitet sich aber gerade in unserer Zeit die Wiederauferstehung der konservativen Staatsidee zu einem wirklichen Ideal vor. Die konservativen Elemente finden am heutigen Staat wenig mehr zu konservieren, um so mehr aber neu zu schaffen. Vielleicht steht nun die geistige Schöpferkraft der Ideen, in die sich das politische Fühlen der Menschheit spektralanalytisch auseinanderlegt, oft im umgekehrten Verhältnis zu dem mechanisierten Machtbesitz ihrer Träger.' Die konservative Staatsidee konnte einschlummern, solange das deutsche Staatswesen hauptsächlich von konservativen Grundsätzen und Personenkreisen beherrscht wurde. Heute ist dagegen das Recht des Widerstandes, der Gedanke der Umwälzung und damit die Veranlassung, vielleicht auch die Kraft zur Schöpfung gerade auf die sogenannten konservativen Kreise übergegangen.
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