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Grenzboten-Weihnacht 1920
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Grenzboten-Weihnacht 5920

Oon Fritz Kern 1.

er Geist Vismarcks ist es gewöhnt, von Unberufenen beschworen zu werden. Aber selten wurde er falscher zitiert, als in der für alle Grenzpolitik maßgebenden Angelegenheit des Botschafters der deutschen Republik in Rom. Herr von Beerenberg, der anscheinend weniger seines Könnens als seines Habens wegen zum Vertreter der Person des Herrn Ebert bei Viktor Emanuel III. ernannt worden ist, hat seine Aus­gabe damit begonnen, das Grenzdeutschtum heute gut ein Viertel unseres Volkes im tiefsten Herzen zu verletzen. Er hat auf dem Weg über eine Trentiner italienische Behörde den Südtirolern den Rat gegebm, sich als Italiener deutscher Nationalität mit dem italienischen Staat abzufinden. Die einhellige Ablehnung seiner ebenso ungeschickten wie unwürdigen Äußerungen seitens der Tiroler wurde nun seinen Verteidigern zum Anlaß, daran zu erinnern, daß Bismarck seiner Zeit die Grenzdeutschen in den russischen Ostseeprovinzen oder in Österreich-Ungarn in Schutz zu nehmen vermieden habe. Man könnte darauf zunächst erwidern, daß, wenn Herr von Beerenberg Königgrätz und Sedan gewonnen und das Deutsche Reich ge­schaffen hätte, in seiner Stimme immerhin etwas Metall läge, welches zarter Stimni- gebung erst den eigentlichen Reiz verleiht. Vor allem aber: Bismarck unterließ es, in die inneren Angelegenheiten Rußlands und Österreich-Ungarns dreinzureden, weil er in der heiklen diplomatischen Lage, die ein starkes, zentraleuropäisches Reich immer vorfinden wird, durch Ausschaltung aller Neibungsflächen mit den beiden östlichen Kaisermächten unserm Reich und damit dem ganzen Deutschtum auf der Erde die sicherste Grundlage gab. Demgegenüber konnten die schmerzlichen Erlebnisse der Balten nicht ins Gewicht fallen, mußten die Deutschen des Habsburgerreichcs sich nut eigenen Kräften behaupten.

.Heute ist alles anders. Ein heutiger deutscher Botschafter im Ausland ist der Vertreter eines geknechteten, verstümmelten und bankerotten Staates, sowie eines großen, unbesiegten und zukunftskräftigen Volkstums. Jeder Italiener hat ein schlechtes Gewissen über den ursprünglich gar nicht beabsichtigten Raub Sndtirols. Grenzboten IV 192V 21