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fürs eigene Treiben usurpierten Griechentums zu korrigieren, darauf hinzuweisen, daß die Griechen zwar lasterhaft, aber nicht pervers waren, und diese Lasterhaftigkeit auf ihren wahren Grund, das Leben der Frau in der Gynaikonitis wie der Orientalin im Harem, zurückzuführen? Nein, es lohnt sich nicht. Das Buch ist keinWerk der Wissenschaft", es gehört als Ausdruck einer schwer kranken Gesell­schaft nicht vor den Nichterstuhl der philosophischen Fakultät, sondern vor den Psychiater.

Bliebe noch eins zu fragen, ein Entscheidendes: Wußte George selbst von diesem Buche, das seine privatesten Angelegenheiten prostituiert und exhibitioniert? Wir hoffen nein. Sonst rissen wir uns die jahrelang gehegte leidenschaftliche Liebe zu seinen Büchern aus dem Herzm.

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Zum Parteitag der Deutschen VoNspartei. Die Deutsche Volkspartei trat in den ersten Dezcmbertagen in Nürnberg zu einer großen Tagung zusammen. ES war die erste Revue nach der Wahlschlacht vom 6. Juni. Da mit dein siegreichen Ausgang jener Schlacht die Partei die bedeutsame Wendung von einer Oppositions­partei zur Regierungspartei vollzog, mußte für Außenstehende noch mehr als für Parteimitglieder die Nürnberger Tagung vom Gesichtspunkt der Nechenschafts- ablegung über diese Wendung Interesse haben. Inzwischen hatten zudem die sächsischen Wahlen der Deutschen Volkspartei gegenüber dem 6. Juni einen Rückgang von etwa 7V V00 Stimmen gebracht. Und dieser Umstand mußte jener Rechen- schaftsablegung zugleich auch den Charakter einer Besinnung auf politische Neu­orientierung verleihen.

Den Politiker hat die Tagung insofern wenig befriedigt, als keine gesamt- Politische Linie zu erkennen war. Man hatte zu sehr den Eindruck, daß die Tagung auf den momentanen Effekt berechnet wurde, deswegen auch den Zufälligkeiten der Massenstimmungen des Tagungspublikums preisgegeben war und nur in wenigen Er­scheinungen den Rahmen eines reinen Agitationskongresses sprengte.

Gerade deswegen ist es vielleicht am Platze, von einer neutralen Stelle aus einige kritische Bemerkungen zum Entwicklungsstande der Deutschen Volkspartci zu wachen. Denn die allgemeine Parteigärung ist so tiefgreifend, daß auch die äußerlich imposantesten Tagungen dem nachdenklichen Politiker die Tiefendinge dieser Gärung nicht verbergen können.

Die Deutsche Volkspartei hat bekanntlich in den letzten Reichstagswahlen als Sammelpartei des Bürgertums große Erfolge davongetragen. In instinktiver Gegenbewegung gegen die Revolution im allgemeinen und gegen die wilsonistisch- westlerische Politik der Demokratie, in gefühlsmäßigem Klassensolidarismus gegen das Proletariat und seinen weichen Anhang in der regierenden Mitte, versuchte damals das Bürgertum in einer neuen Mittelpartei sich zu scharen. Die Ernüchterung vomKappismus" hielt die bürgerlichen Massen zunächst von einer radikalen Ent­scheidung zugunsten der Deutsch-Nationalen Partei zurück. Es fand sich zudem fast die gesamte Unternehmerschicht Deutschlands in instinktmäßiger Reaktion gegen °as Betriebsrätegesch in der alten Jnteressenpartei des Unternehmertums, in der "eu aufgemachten Nationalliberalen Partei zusammen. Das Herausstellen einer >o gewaltigen Führerpersönlichkeit wie Hugo Stinnes war nur äußeres Symbol für Aese parteipolitische Konzentration der Unternehmerschicht. Endlich hatte die Partei mit einer ganzen Reihe zugkräftiger Parolen (Sachverständigenführung, Arbeitsgemeinschaft, Kammer der Arbeit, Wiederaufbaupartei, Volksgemeinschaft) °er negativen Bewegung des Bürgertums eine starke positive Richtung gegeben und ""Mit große Werbekraft entwickelt. Grenzboten IV 1920 20